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Fächerübergreifende Kartenkompetenz

Menschen Zeiten Räume, CornelsenFächerübergreifende Kartenkompetenz (handlungskompetente Nutzung von Karten im Schulunterricht) war auch schon in der jüngeren Vergangenheit notwendig und üblich (Heimatkunde/Sachkunde, Geographie und Geschichte). Aber heutzutage (2009) und in Zukunft, in einer Zeit, in der fachspezifisches, „schubladenhaftes“ Denken und Handeln in den Hintergrund treten und vor allem Zusammenhänge kausaler und funktionaler Art zwischen inhaltlichen Komponenten mehrerer Unterrichtsfächer von den Schülern erkannt werden müssen, ist eine fächerübergreifende Denkweise erforderlich.

Die raumbezogene Kartenkompetenz ist daher noch kontinuierlicher und systematischer in mehreren Fächern zu gestalten. Dies mögen am Beispiel der Kartenarbeit von drei Fachbereichen Auszüge aus einem Beitrag „Fächerübergreifende Ausbildung der Schüler/innen in Kartenverständnis und Kartennutzung“ des Verfassers verdeutlichen, der in den Kartographischen Schriften, Bd. 8 (2003), S. 9-15, erschien. Auf Schlußfolgerungen für eine fächerübergreifende Atlasgestaltung wird an anderer Stelle dieser Homepage hingewiesen (sh. „Fächerintegrative Gestaltung...“).

Einführung und Weiterführung der Schüler/innen in das Wesen und in die Nutzung von Karten als ein fächerintegrativer Prozess

Die Karte ist für jene Unterrichtsfächer ein unentbehrliches Repräsentations- und Arbeitsmittel, deren Gegenstand Strukturen, Prozesse, Wirkungsgefüge und Entwicklungen von bzw. in Erdräumen bilden. So sind es vorwiegend der Geographieunterricht und der Geschichtsunterricht, zumal für beide Disziplinen Raum und Zeit grundlegende Koordinaten sind. [...] Die Fächer Geographie und Geschichte sind die breitesten Anwendungsfelder von Karten im Schulunterricht. [...] Auch das Unterrichtsfach Politische Bildung benötigt z.B. zur Interpretation staatlicher bzw. verwaltungspolitischer Raumgliederungen und zum Erkennen georäumlicher Zusammenhänge eine entsprechende kartographische Darstellung.
[...]

Das erste Einsatzfeld der Karte ist zweifellos in den meisten Bundesländern der Sachkundeunterricht (Sachunterricht, Heimatkundeunterricht) der Grundschule bzw. der Primarstufe. Zur Behandlung der heimatlichen Räume, die von den Schülern/innen nicht mehr durch die unmittelbare Beobachtung erschlossen werden können, also die Region von großen Heimatstädten (in Klasse 2 oder 3), der Heimatkreis (in Klasse 3) und das heimatliche Bundesland (in Klasse 4) kann auf kartographische Darstellungen (z.B. Stadtplan, Kreiskarte, Länderkarte) nicht verzichtet werden.
[...]

Da die konventionelle Karte jedoch keine bildhafte, visuell-anschauliche Kopie der Wirklichkeit, sondern eine abstrakt gestaltete und weitgehend veschlüsselte Abbildung der Realität ist, müssen die Schüler/innen bereits im Sachkundeunterricht in das Wesen und in die Handhabung einer Karte zum Zwecke räumlicher Vorstellungsgewinnung und Lageorientierung sowie zur fachlichen Begriffsbildung eingeführt werden. Somit ist die Karte in den unteren Klassen sowohl Mittel als auch Gegenstand der Erkenntnistätigkeit.
(S. 9)

Mit dem Einsetzen stärker gefächerten Unterrichts ab Klasse 5 in den verschiedenen Schultypen müssen das Verständnis über die Merkmale und die Funktionen des Mediums Karte und die Fähigkeiten in der Kartennutzung kontinuierlich weiterentwickelt werden, damit dieses Medium immer stärker und rationeller in seiner Mittelfunktion wirksam werden kann. [...]

Interdisziplinäre Symbolsprache der Karte

Die Karte ist eine schriftsprachliche Abbildung der Wirklichkeit auf geodätischer Bezugsebene. Ihre Strukturelemente sind vorrangig konventionelle graphische Zeichen, die als Zeichensysteme einer künstlichen Sprache das „Kartenalphabet“ des jeweiligen Kartentyps (z.B. physische/allgemein-geographische Karte, geologische Karte, Industriekarte) bilden. Ergänzend wird die Lautschrift der (natürlichen) Umgangssprache für individuelle Objektbezeichnungen (beispielsweise Orts- und Flussnamen) und mitunter auch als Signatur beansprucht.

[...] In der Legende, die die Zuordnung der Zeichen zu den Begriffen herstellt, ist die (allgemeinbegriffliche) Bedeutung der Signaturen ausgewiesen. Im Kartenbild bezeichnen die Signaturen die räumliche Lage eines Objektes, Zustandes oder Prozesses bestimmter Wertkategorien. Erst die Syntaktik mehrerer Kartenzeichen im Kartenbild bewirkt eine raumbezogene Aussage und ermöglicht auch die Entnahme indirekter (abgeleiteter) Informationen. Zeichendekodierung, Lesen und Auswerten des Inhalts von Kartenausschnitten sind eine Basisschrittfolge der Kartennutzung.

Den Schülern/innen muß bewußt und vertraut werden, daß die Karte eine verschlüsselte Abbildung der Realität ist und nur über die Legende, die nach Sachgruppen übersichtlich gegliedert ist, zu erschließen ist. Das gilt für geographische Karten, für Geschichtskarten oder für politische Karten gleichermaßen.

Insofern ist die Symbolsprache der Karte interdisziplinär. Beispielsweise gibt es für den Geographieunterricht viele Kartentypen mit jeweils speziellem Begriffs- und Zeichensysystem. [...] Auch im Geschichtsunterricht werden Karten verschiedener Thematk mit jeweiligem „Alphabet“ eingesetzt. Das Prinzip kartographischer Darstellung ist grundsätzlich für die verschiedenen Unterrichtsfächer gleich.
(S. 10)
[...]

Einführende Kartenarbeit im Sachkundeunterricht

Die Einführung der Schüler/innen in das Kartenverständnis und in die Kartennutzung erfolgt überwiegend im Sachkundeunterricht der Jahrgangsstufe 3 im Rahmen der Überblickserarbeitungen vom Heimatort und Heimatkreis. Einen weiteren Schwerpunkt der Kartenarbeit bildet in Klasse 4 die Behandlung des eigenen Bundeslandes. [...]

Bei der Nutzung von Plan und Karte als Medien zur Vorstellungsbildung und Informationsgewinnung über heimatliche Lebensräume werden die Schüler/innen auch an die Grundformen der unterrichtlichen Kartenarbeit herangeführt. Es sind dies: Kartenlesen, Kartenauswerten, Kartenzeichnen und Kartenvorstellungsbildung. [...]

Alle Grundformen werden bereits im Sachkundeunterricht angesprochen, es dominiert aber die Tätigkeit des Kartenlesens als Elementarform der Kartennutzung. [...]
(S. 12)

Kontinuierliche und koordinierte Weiterentwicklung des Kartenverständnisses im Geographie- und Geschichtsunterricht ab Klasse 5

Die Unterrichtsfächer Geographie und Geschichte müssen beide die Lehrplansäule „Sich orientieren“ umsetzen. [...] Für die beiden Unterrichtsfächer ist die Klasse 5 das Hauptfeld zum „Start in die Vielfalt der Kartenwelt“, zumal in dieser Jahrgangsstufe den Schülern/innen ein breites Spektrum thematischer Kartentypen begegnet. [...]

Im Fach Politische Bildung erfolgt neben der gelegentlichen Beanspruchung von Karten aus der Geographie und der Geschichte häufig der Einsatz von Posterkarten.
[...]

Die Schüler/innen müssen in der weiteren Kartenarbeit zu einer bewußten „Orientierung am Kartenblatt“ als ersten Handlung jeder Kartennutzung angehalten werden. Dazu gehören vor allem: Kartenthema und Legendenbegriffe, räumliche Region, Maßstab, Gestalt und Gruppierung der Signaturen in der Legende. [...]
(S. 13)

Die Schüler/innen müssen auch vom Lesen zum einfachen Auswerten von geographischen und von Geschichtskarten, von Zustandsbeschreibungen zum selbständigen Erkennen von Entwicklungen sowie von ursächlichen und zweckorientierten Zusammenhängen, geführt werden. Sie sollten von Merkmalsanalysen (was – wo – wie?) vor allem auch durch Kartenvergleiche zu Kausal- und Funktionalanalysen (was – wo – wie – warum/wozu?) mit Hilfe von Karten befähigt werden.
[...]
(S. 14)

Weiterführende Literatur

BACHLER, M.: Kartographie in der Volksschule/Grundschule? Wozu? In: Kartographische Schriften, Bd. 8 (2003), S.33-40.

BREETZ, E.: Zum Kartenverständnis im Heimatkunde- und Geographieunterricht. Berlin 1982 (3. Auflage).

FIALA, H.-J.: Die Karte im Geschichtsunterricht. Berlin 1967.

HÜTTERMANN, A.: Kartenkompetenz weiterentwickeln. In: geographie heute, H. 269, 2009, S.16-22.

JARAUSCH, H.: Zur Spezifik der Kartenarbeit bei der Erkundung des heimatlichen Lebensraumes durch Grundschulkinder im Sachunterricht. In. Kartographische Schriften, Bd. 8 (2003), S. 16-32.

RAISCH, H.: Grundlagen der Kartenarbeit im Geschichtsunterricht. In: Praxis Geschichte, H. 4/1999, S. 4-11.

 

Abbildung: Coverteil des fächerübergreifenden WELTATLAS "Menschen, Zeiten, Räume - Atlas für Rheinland-Pfalz und Saarland". Cornelsen Verlag, Berlin 2006.