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Geografische Schulkartografie - sachbezogene Teildisziplin der Schulkartografie

WeltkarteDie Geografische Schulkartografie ist die dominierende Teildisziplin der kartografischen Zweigdisziplin „Schulkartografie“. Ihr Gegenstand sind die Gestaltung und die Nutzung geografisch orientierter kartografischer Medien für den Schulunterricht und Verfahren ihrer differenzierten Nutzung im Sachkunde-/Heimatkundeunterricht der Unterstufe (Grundschule) und im Geografieunterricht der Mittel- und Oberstufe.

Nachfolgend werden Auszüge aus einem Beitrag des Verfassers „Geographische Schulkartographie in der DDR – interdisziplinärer Wissenschaftszweig mit unmittelbarer Praxisbezogenheit und -wirksamkeit“ in der Wissenschaftlichen Zeitschrift der PH Potsdam, Heft 3/1987, S. 503-515, wiedergegeben.

Der Begriff „Schulkartographie“ wird wie auch der übergeordnete Begriff „Kartographie“ häufig immer noch als vorrangig geographisch orientierte Disziplin verstanden, zumal auch international in der kartographischen Fachliteratur die Kartographie nicht selten [...] als spezielles Bearbeitungsgebiet und weites Anwendungsfeld der Geographie aufgefaßt wird. Diese Begriffsintension und die sehr engen Wechselbeziehungen zwischen Geographie und Kartographie haben neben aktueller Sachbezogenheit durchaus auch ihre historische Begründung, da ja die Kartographie aus der Geographie und der Geodäsie als den Mutterwissenschaften hervorgegangen und auch heute noch häufig mit geographischen Einrichtungen institutionell vereinigt ist.

Dennoch bilden die Entwicklung und die Anwendung von Geschichtskarten, insbesondere für den Geschichtsunterricht in der Schule, auch seit langem einen bedeutenden Forschungs- und Produktionsbereich der Kartographie und entwickelten sich in neuerer Zeit weitere spezielle Anwendungsbereiche bzw. zweckbestimmte Zweigdisziplinen der Kartographie (beispielsweise Touristikkartographie, Planungskartographie, Militärkartographie). So ist auch die Schulkartographie in ihrer darstellenden Substanzbezogenheit und unterrichtlichen Zweckbestimmung keineswegs ausschließlich geographisch orientiert.

Demgemäß unterschieden wir in unseren 1982 und 1986 erchienenen Studien zur Entwicklung der Schulkartographie in der DDR eindeutig zwei definitiv abgrenzbare Bereiche der Schulkartographie – den geographiemethodischen und den geschichtsmethodischen Bereich – und wiesen unter integrativem Aspekt auf wesentliche Gemeinsamkeiten und auf grundsätzliche Unterschiede hin.

Im Sinne einer entsprechenden Differenzierung und Präzisierung der wissenschaftlichen Kartographie sind international seit den 50er Jahren Ansätze zur Definition und Konzeption einer geographischen Kartographie festzustellen. Auch im Fachschrifttum der DDR erschien der Terminus „geographische Kartographie“. [...]

Analog dieser Spezifizierung wurden auch im Hauptreferat des Fachverbandes der Schulgeografen auf dem IV. Geographenkongreß 1985 in Gotha die wissenschaftsdisziplinäre Stellung und die Struktur der geographischen Schulkartographie in der DDR [...] definiert sowie ihre wesentlichen Entwicklungstendenzen aufgezeigt.
(S. 504)

[...]

Die eindeutige Zweckgebundenheit der Schulkartographie an die pädagogische Praxis bedingt, daß insbesondere die theoretischen und empirisch gestützten Grundlagenforschungen zur Kartengestaltung und -nutzung, die konzeptionellen Arbeiten zu Kartenentwicklungen sowie die Erarbeitung von Interpretationsmaterialien für die Kartennutzung in besonderem Maße institutionell und personell von der Volksbildung getragen werden.

Die geographische Schulkartographie ist dementsprechend mit ihrem Aktionsfeld überwiegend ein integrativer Bestandteil der Methodik des Geographieunterrichts. Sie ist theoretische Kartographie mit pädagogischer Orientierung und Profilierung, die sich vor allem im Schoße ihres speziellen Anwendungsfeldes zu einer weitgehend eigenständigen kartographischen Teildisziplin formierte.

Eine pädagogische Besonderheit der geographischen Schulkartographie besteht ferner darin, daß sich ihr Aktionsradius auf zwei Unterrichtsfächer erstreckt – auf den Geographieunterricht der Klassen 5 bis 10 (POS) und Klasse 11 (EOS) sowie auf das Fach Deutsch/Disziplin Heimatkunde (Heimatkundeunterricht) der Klassen 3 und 4. [...]

Die Entwicklung der geographischen Schulkartographie in der DDR mit klar umrissenem Forschungsfeld und vielfältiger Verbundenheit zur pädagogischen und technischen Praxis vollzog sich durch zunehmend intensive Kooperation zwischen Institutionen der Verlagskartographie und der Volksbildung und durch enge Wissenschaftsverflechtung von Unterrichtsmethodik und Kartographie.
(S. 506)

Literatur    (Auswahl)

BORMANN, W./ FISCHER, H.-R.: Entwicklung, Stand und Aufgaben der geographischen Kartographie in Deutschland. In: Petermanns Geographische Mitteilungen, Heft 3/1956, S. 235-243.

BREETZ, E.: Zur Entwicklung der Schulkartographie in der Deutschen Demokratischen Republik. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der PH Potsdam, Heft 3/1982, S. 357-375.

BREETZ, E.: Gestaltung und Nutzung geographischer Karten als gleichrangige Hauptglieder der schulkartographischen Kommunikationskette. Potsdamer Forschung, Reihe C, Heft 64 (Potsdam 1986).

MARCINEK-KINZEL, H.: IV. Geographenkongreß der DDR 1985 in Gotha. In: Zeitschrift für den Erdkundeunterricht, Heft 2/3 /1986, S. 92.

PUSTKOWSKI, R.: Die Entwicklung der geographischen Kartographie in der DDR. In: Vermessungstechnik, Heft 1/1970, S. 27-31.

STOCKS, T.: Grenzprobleme zwischen Originalkartographie und geographischer Kartographie. In: Kartographische Studien (Haack-Festschrift), Gotha 1957, S. 25-34.
(S. 512)

[...]

Als Forschungszentrum der Geografischen Schulkartografie entwickelte sich in der DDR der Wissenschaftsbereich Methodik des Geografieunterrichts an der Pädagogischen Hochschule in Potsdam, ergänzt durch Teiluntersuchungen der gleichnamigen Wissenschaftsbereiche an der Universität in Halle und der Pädagogischen Hochschule in Dresden. Enge und kontinuierliche Arbeitskontakte bestanden zum VEB Hermann Haack in Gotha; zeitweilige Kooperationsbeziehungen gab es zum VEB Kartographischer Dienst in Potsdam.

Nach 1990 ist die Geografische Schulkartografie offiziell nicht präsent, aber die Schulkartografie ist geografisch-dominant orientiert. Die wissenschaftliche Heimat der Geografischen Schulkartografie ist somit gegenwärtig (2008) die Kommission „Schule und Kartographie“ der Deutschen Gesellschaft für Kartographie (DGfK).

Im Hinblick auf die Wurzeln der Kartografie und auf die wachsende Globalisierung der gesellschaftlichen Denk- und Handlungsweisen wird gegenwärtig der georäumliche bzw. geografische Aspekt der Kartografie wieder betont. Die Kartografie soll sich zur Leitdisziplin raumbezogener Visualisierung entwickeln und eine Schlüsselstellung im Orchester der Geoinformatik einnehmen (siehe Kappas 2006).

Dementsprechend werden auch vor allem den Geografieunterricht in den allgemeinbildenden Schulen spezielle Aufgaben einer präzisierten Kartenarbeit erwarten.

Literatur

BREETZ, E.: Geographische Schulkartographie in der DDR - interdisziplinärer Wissenschaftszweig mit unmittelbarer Praxisbezogenheit und -wirksamkeit. In: Wiss. Zeitschr. d. PH Potsdam, H. 3/1987, S. 503-515.

BREETZ, E.: Entwicklung der geographischen Schulkartographie in der Deutschen Demokratischen Republik. In: Zeitschr. f. d. Erdkundeunterricht, H. 10/1989, S. 350-368.

BREETZ, E.: Entwicklung der geographischen Schulkartographie in der ehemaligen DDR. In: Wiener Schriften zur Geographie und Kartographie, Band 5 (Wien 1992), S. 133-143.

BREETZ, E.: Koordination und Kooperation in der geographischen Schulkartographie der DDR. In: Kartographische Schriften, Band 8 (Bonn 2003), S. 69-75.

KAPPAS, M.: Zur Stellung der Kartographie in den Geowissenschaften. In: Kartographische Nachrichten, Heft 5/2006, S. 235-238.

SPERLING, W.: 40 Jahre Schulkartographie in der Bundesrepublik Deutschland. In:Wiener Schriften zur Geographie und Kartographie, Band 5 (Wien 1992), S. 114-125.

 

Abbildung: Karte aus dem "ATLAS für die 4. und 5. Klasse - Neubearbeitung", S. 22 "Erde - Oberflächengestalt". VEB Hermann Haack, Gotha 1990 - 6. Auflage. (Konzeptionelle Atlasmitarbeit: E.Breetz).

 

Weitere Infos zur Schulkartografie sind in der Freien Enzyklopädie Wikipedia zu finden.