Diese Seite drucken

Könnensentwicklung in der unterrichtlichen Kartenarbeit

Harms Berliner Grundschulatlas, SchroedelNeben der Kartengestaltung bildet die Kartennutzung in der schulkartografischen Forschung ein gleichwertiges Bearbeitungsfeld. Der fachübergreifende Charakter einer systematischen Entwicklung des Kartenverständnisses erfordert für die Unterrichtspraxis der allgemeinbildenden Schule eine eindeutige Ausweisung von Leitlinien und Schwerpunkten der einführenden Kartenarbeit im Heimatkunde-/Sachkundeunterricht und der Weiterentwicklung des Kartenverständnisses im Geografieunterricht, womit gleichzeitig wesentliche Grundlagen für die Kartenarbeit in anderen Fächern, insbesondere im Geschichtsunterricht, geschaffen werden.

Für die Könnensentwicklung der Kartenarbeit wurde von uns in der Vergangenheit häufig die Formulierung „Entwicklung des Kartenverständnisses“ synonym verwendet, die nicht nur in dem engeren Sinne des „Verstehens“ der Darstellungsform und ihrer Handhabung als Erkenntnismittel, sondern auch in dem weiteren Sinne einer rationellen, effektiven und niveaudifferenzierten Kartennutzung aufgefasst wurde. Heutzutage (2008) begegnet man in der Schulkartografie und in der Didaktik mitunter dem Begriff „Kartenkompetenz“ , der sowohl die Könnnensentwicklung als auch die kritische Betrachtung der Kartengestaltung umfasst. So vertritt beispielsweise A. Hüttermann die Ansicht, dass das Lernen  über Karten ebenso wichtig ist wie das Lernen mit Karten (1998, S. 14).

Nachfolgend wird ein Auszug aus dem Autorreferat zur Habilitationsschrift (Dissertation B) des Verfassers „Gestaltung und Nutzung geographischer Karten für den Schulunterricht als gleichrangige Hauptglieder der schulkartographischen Kommunikationskette in der Volksbildung der Deutschen Demokratischen Republik“ in der Wiss. Zt. d. PH Potsdam, H. 3/1985, S. 576-577, wiedergegeben. (Vgl. auch „Verfahrensweisen“).

Die Könnensentwicklung der Kartenarbeit als eine spezifische Synthese von Leistungsdispositionen umfasst vor allem folgende Komponenten:

  • Sachkenntnisse über das Wesen, die Funktion und die Grundstruktur einer geographischen Karte,
  • Verfahrenskenntnisse über ihren zielbewußten und schöpferischen Gebrauch zur Aneignung geographischen Wissens,
  • Fähigkeiten zur selbständigen und sicheren Kartennutzung, Fertigkeiten und Gewohnheiten in der Anwendung von speziellen Verfahrensweisen der Kartennutzung.

Die Arbeit an und mit der geographischen Karte als fachspezifische Tätigkeit ist die Realisierung allgemeiner geistiger und geistig-praktischer Fähigkeiten im Umgang mit fachspezifischen Hilfsmitteln der geistigen Tätigkeit. Als wesentliche Tätigkeitskomplexe der unterrichtlichen Kartennutzung können ausgewiesen werden:

  • Kartenlesen,
  • Kartenauswerten,
  • Kartenvorstellungsbildung,
  • Kartographisches Zeichnen.

Diese können spezifiziert werden für Tätigkeitsbereiche in der Arbeit mit den verschiedenen Kartenarten und für bestimmte Aufgabentypen.

Jeder Tätigkeitskomplex bzw. -bereich setzt sich aus Handlungen als relativ abgeschlossenen Elementen einer Tätigkeit zusammen, wobei jeweils bestimmte Schrittfolgen bzw. annähernd standardisierte, regelartige Handlungsabläufe (Operationsfolgen) vollzogen werden (z.B. bei der Merkmalsanalyse eines Territoriums anhand der Wirtschaftskarte oder beim Eintragen von Objekten in Umrißkarten).

Um das Lernen als geistige und geistig-praktische Tätigkeit zu organisieren, müssen dem Schüler auch für die Kartenarbeit sichere Verfahrenskenntnisse als Orientierungsgrundlage zur Ausführung der Tätigkeit bzw. zur Lösung bestimmter Aufgabentypen vermittelt werden.

Die entwickelten Handlungspläne (Handlungsanleitungen) für Verfahrensweisen in der Kartenarbeit sind formuliert als

  • Handlungsfolgen (Aussageform) und
  • Handlungsvorschriften (Imperativform).

Es erscheint notwendig, die bisher publizierten Handlungspläne nach Prüfung der schulpraktischen Erfahrungen zu systematisieren und zu präzisieren, wobei durch Verallgemeinerungen auf Klassen von Anforderungen Varianten für bestimmte Aufgabentypen in der unterrichtlichen Kartennutzung aufzuzeigen sind.

Ferner ist es erforderlich, eine nähere Bestimmung und Realisierung von Niveaustufen in der Kartenarbeit vorzunehmen, zumal in den Lehrplänen für Geographie und Deutsch/Disziplin Heimatkunde hierzu nur relativ allgemeine Vorgaben enthalten sind.

Als Niveaustufen der Könnensentwicklung in der Kartenarbeit sind zwei Kategorien zu beachten:

  1. Tätigkeitsqualitäten (im Sinne von Art/Spezies mit bestimmten Tätigkeitsstrukturen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades)
  2. Könnensqualitäten (im Sinne von Verlaufsqualitäten einer Tätigkeit, der Kennzeichnung des Vermögens, eine Tätigkeit sicher zu beherrschen).

Während die Niveaustufen der Tätigkeitsqualitäten Schwierigkeitsstufen  (Anforderungsniveau) von Tätigkeitskomplexen bzw. -arten repräsentieren, sind die Niveaustufen der Könnensqualitäten Vollzugsgrade  (Ausführungsniveau) der Tätigkeitsqualitäten.
(Welche Tätigkeit wird wie beherrscht?)

Auf Schwierigkeitsstufen von Tätigkeiten in der unterrichtlichen Kartenarbeit wurde bereits in mehreren einschlägigen Beiträgen bzw. Praxishilfen eingegangen; die Niveaubestimmung von Könnensqualitäten in der Kartenarbeit bildet ein vordringliches Anliegen zukünftiger Forschungsarbeiten.

In mehreren Interpretationsmaterialien zu den Lehrplänen für Geografie und Heimatkunde der DDR befassten wir uns mit der Ausweisung von Niveaustufen der Anforderungstruktur und der Verlaufsqualitäten von Schülertätigkeiten bei der Kartennutzung, speziell zur Charakterisierung der Übergangsfunktion der Klasse 4 und der Ausgangssituation zu Beginn des Geografieunterrichts in Klasse 5. So stellten wir beispielsweise für den Heimatkundeunterricht der Kassen 3 und 4 dar, wie trotz vorherrschend konzentrischer Anordnung von Themenbereichen die Gleichheit der Thematik nicht Gleichförmigkeit der Leistungsanforderungen bewirken darf, und erarbeiteten einen Überblick über das jeweilige Endniveau (Anforderungs- und Vollzugsniveau) der Kartenarbeit in den Klassen 3 und 4.

Auch für die weiteren Klassenstufen sollten Kriterien zum jeweiligen Endniveau der Könnensentwicklung in der Kartenarbeit – eventuell differenziert für die einzelnen Bundesländer – fixiert werden, so dass Grundlinien für eine systematische Steigerung bzw. Vervollkommnung des Kartenverständnisses unserer Schüler erreicht werden.

Literatur

BREETZ, E.: Entwicklungstendenzen der Kartennutzung im Heimatkunde- und Geographieunterricht. In: Potsdamer Forschungen, R.C., H. 64 (1986), S. 66-91.

BREETZ, E.: Fächerübergreifende Ausbildung der Schüler/innen in Kartenverständnis und Kartennutzung. In: Kartographische Schriften, Bd. 8 (2003), S. 9-15.

FAUST, H. u.a.: Probleme der Könnensentwicklung im Unterricht. Beiträge zur Pädagogik, H. 28. Berlin 1982.

FLATH, M.: Zur systematischen Könnensentwicklung im Fach Geographie. Dresden 1985.

HERZIG, R.: Kartographische Lernsoftware – Konkurrent für Printmedium Karte? In: Kartographische Schriften, Bd. 8 (2003), S. 76-100.

HÜTTERMANN, A.: Kartenlesen – (k)eine Kunst. Didaktik der Geographie, München 1998.

KRUMBHOLZ, D.: Die Arbeit mit Handlungsvorschriften – notwendiger Bestandteil zur Effektivierung von Schülertätigkeiten oder eine „Modeerscheinung“? In: Zeitschrift für den Erdkundeunterricht, H. 11/1979, S. 417-427.

OGRISSEK, R.: Nutzung kartographischer Modelle und Struktur des Erkenntnisprozesses. In: Petermanns Geographische Mitteilungen, H. 2/1982, S. 127-130.

SCHLIMME, W.: Topographisches Wissen und Können im Geographieunterricht. Berlin 1983.

 

Abbildung: Cover des "HARMS Berliner Grundschulatlas". Schroedel Schulbuchverlag GmbH, Hannover 1998 - Druck A 8. (Konzeptionelle Atlasmitarbeit: E.Breetz).

 

Vgl. auch: Kartenarbeit, Allgemein-geografische Karte