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Kreishand- und -wandkartenwerk – umfangreichste schulkartografische Kartenserie in der DDR

Karte Bezirke und Kreise der DDRKarten überdauern manchmal Jahrzehnte und Gesellschaftsformationen in ihrem Gebrauchswert (nicht nur museal). So trifft man zum Beispiel heute (2009) mitunter in Hotelrezeptionen, Tourismusbüros, Naturschutzzentren und anderen öffentlichen Einrichtungen auf „Einblatt-Wandkarten“ eines ehemaligen Heimatkreises (ca. 1 m² groß), die in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts zentral und kostenlos an die Polytechnischen Oberschulen zwischen Kap Arkona und Fichtelberg für den Heimatkundeunterricht und für den Geografieunterricht ausgeliefert wurden. Ein Blick auf das Impressum am unteren Kartenrand verrät das Herausgabedatum.

Diese vorwiegend übersichtlich und farbintensiv gestalteten allgemein-geografischen („physischen“) Karten können vielleicht als „Beutestücke“ von „Ausmusterungen“ der Schulen nach der politischen Wende (1989/90) angesehen werden.

Einige Einzelheiten zum ehemaligen je 178 Titel umfassenden Kreishand- und -wandkartenwerk, dem aufwändigsten schulkartografischen Serienerzeugnis der DDR, mögen den folgenden Auszügen aus einem Beitrag des Verfassers „Das neue Kreiskartenwerk und sein Einsatz in Klasse 3“ in Die Unterstufe, H. 7/8 /1984, S.145-148, entnommen werden.

[...]

Kreise Pirna und SebnitzGestaltungsbesonderheiten der neuen Schülerhandkarten

Im Unterschied zu dem im Zeitraum 1956-1965 entwickelten und 130 Titel umfassenden Kreiskartenwerk weisen die neuen Handkarten einen beiderseitigen Druck auf:

  1. Die Vorderseite jedes Kartenblattes enthält die mehrfarbige allgemein-geographische Hauptkarte (Kreiskarte im eigentlichen Sinne).
  2. Auf der Rückseite befinden sich vier einfarbige thematische Karten über das Kreisgebiet mit den Themen Verkehr, Kultur, Industrie und Landwirtschaft.

Die Hauptkarte ähnelt in der Darstellungsweise einer komplexen Aussage (administrative Grenzen, Relief, Gewässer, Siedlungen, Verkehrswege) der bisherigen Ausgabe der Kreiskarte; die Nebenkarten bringen spezielle inhaltliche Schwerpunkte des Heimatkundeunterrichts gesondert zur Darstellung.
(S. 145)

Allgemein-geographische Hauptkarte

Karte Kreis Artern

Für die allgemein-geographische („physische“) Hauptkarte wurde als Maßstab grundsätzlich das für die Schüler leicht verständliche Verkleinerungsverhältnis 1:100 000 (1 cm auf der Karte entspricht 100 000 cm = 1 km in der Natur) angestrebt. Da aus Gründen der Handlichkeit für die Schüler eine Formatbegrenzung von 45 cm Länge (Höhe) und 55 cm Breite festgelegt wurde, konnte dieser Maßstab nicht auf allen Handkarten angewendet werden, so daß für die Hauptkarten einiger Kreise der kleinere Maßstab 1:125 000 beansprucht werden mußte (z.B. Kreis Rügen, Kreis Güstrow, Kreis Ludwigslust, Kreis Bernau, Kreis Königs Wusterhausen, Kreis Hildburghausen). Für die Kreise Hagenow und Neuruppin mußte sogar der Maßstab 1:150 000 gewählt werden. Zur Durchführung von Entfernungs- und Streckenmessungen enthält jedoch jede Karte in der Legende (Zeichenerklärung) eine Maßstabsleiste.

Entsprechend der Formatbegrenzung und zwecks Erleichterung der räumlichen und begrifflichen Orientierung für die Schüler wurde die im alten Kartenwerk bevorzugte Abbildung von Kreisgruppen weitgehend vermieden, so daß das neue Kartenwerk in der Mehrzahl Titel von Einzelkreisen enthält. Nur gleichnamige Stadt- und Landkreise (z.B. Stadt- und Landkreis Greifswald, Stadt- und Landkreis Potsdam) und einige relativ kleinere benachbarte Kreise sind zu Kreisgruppen zusammengefaßt (z.B. Kreise Lobenstein und Schleiz; Stadt- und Landkreis Plauen, Kreis Auerbach; Stadt- und Landkreis Weimar, Kreis Apolda).

Eine wesentliche Neuerung in der Gestaltung der allgemein-geographischen Karten besteht darin, daß sie eine vollständige Legende besitzen, in der die Höhenschichtenfarbskala vertikal angelegt und gleichzeitig mit einem kreisspezifischen Höhenschichtenprofil kombiniert ist, wodurch für die Schüler das Erfassen des Wesens und des Darstellungsprinzips der Flächenfarben sowie die Gewinnung räumlicher (dreidimensionaler) Vorstellungen aus dem Kartenbild maßgeblich gefördert werden. [...]

Auf den Karten der Mittelgebirgskreise wird – ähnlich den alten Ausgaben – außer der Höhengliederung noch durch Schummerung die Modellierung des Reliefs dargestellt.
[...]

Karte Königswusterhausen LandwirtschaftThematische Nebenkarten

Die vier thematischen Nebenkarten besitzen den halben Maßstab der Hauptkarte (1:200 000 bzw. 1:250 000 oder 1:300 000). Ihre Legenden enthalten als Symbole standardisierte Zeichen für geographische Karten und für touristische Karten sowie zusätzliche bildhafte Signaturen (Vignetten). Sie sind als Inselkarten thematisch bearbeitet und bilden mit der inhaltsreicheren Hauptkarte eine regionale und komplex-thematische Einheit.

Im Zuge der mehrjährigen Bearbeitung des umfangreichen Kreiskartenwerkes und erster schulpraktischer Erprobungen sowie unter chronologischer Berücksichtigung der Anforderungen des bisherigen und des neuen Lehrplans Heimatkunde für Klasse 3 sind bei der Gestaltung der neuentwickelten thematischen Nebenkarten geringfügige Modifizierungen im Titel der Nebenkarten notwendig gewesen. [...]

Neue Kreiswandkarten als Einblatt-Wandkarten

Die Kreiswandkarten sind originalgetreue Vergrößerungen der allgemein-geographischen Handkarte, vornehmlich im doppelten Maßstab der Handkarte (1:50.000 bzw. 1:60.000). Im Unterschied zu den alten, großformatigen Wandkarten (einheitlicher Maßstab 1:25.000), aus Teilblättern (Sektionen) zusammengesetzt, erfolgt der Druck der neuen Wandkarten nur auf einem Blatt (ca. 1 m² Größe), wodurch dem frontal arbeitenden Schüler ein vollständiges Überblicken des gesamten Kartenbildes und damit eine schnelle, zielstrebige und sichere räumliche Orientierung ermöglicht wird. Auch von der gesamten Klasse kann die neue Einblatt-Wandkarte bei demonstrativen Erläuterungen des Lehrers oder eines Schülers vollständig eingesehen werden, wogegen bei Karten mit Längen über 1,75 m die südlichen Regionen und Teile der Legende nicht mehr im Blickfeld aller Schüler liegen.
(S. 146)

EWK Potsdam, GrößenvergleichAndererseits bedingt das kleinere Format selbstverständlich eine verringerte Fernwirkung in den Klassenraum; die Erkennbarkeit einiger Symbole und insbesondere die Lesbarkeit der Beschriftung (z.B. Ortsnamen) sind vermindert. Diese Einschränkung der optischen Wirkung erwies sich jedoch in unseren unterrichtspraktischen Untersuchungen gerade als besonderer didaktisch-methodischer Vorteil, indem dadurch die Entwicklung der selbständigen Schülertätigkeit entscheidend gefördert wird. Die Schüler werden beim kombinierten Einsatz von Handkarte und Einblatt-Wandkarte unwillkürlich veranlaßt, „ihre“ Karte genau und gezielt zu betrachten, bewußt die Legende zu benutzen, selbständig Objektidentifizierungen vorzunehmen, Objektanordnungen und -verteilungen im Kartenbild zu erkennen sowie exakte Lagebeziehungen (Richtungs- und Entfernungslage) von Objekten zu bestimmen und sich einzuprägen.

Auf Grund der inhaltlichen und graphischen Gleichheit von allgemein-geographischen Hand- und Wandkarten ergeben sich keine Schwierigkeiten in der wechselseitigen Orientierung der Schüler sowohl bei der Neuerarbeitung als auch bei der Wiederholung und Festigung des Stoffes, zumal auf der einblättrigen Wandkarte die administrativen Grenzen, die Oberflächengestalt, die Seen und größeren Flüsse, die Siedlungsgrundrisse sowie die Hauptbahnlinien und Autobahnen bis zur durchschnittlichen Maximalentfernung von 7 m Betrachtungsabstand noch deutlich erkennbar sind.
(S. 147)
[...]

Kreis RügenAuch wenn die Restexemplare des einstigen zweiten Kreiskartenwerkes in ihren Titeln den Namen nicht mehr aktueller Verwaltungseinheiten (Kreise) tragen, werden insbesondere die Einblatt-Wandkarten gelegentlich noch als „Poster“ zur schnellen Orientierung und zum einfachen Erfassen regionaler Landschaftsgliederungen genutzt. Der Druck der EWK erfolgte auf Hekosyn, einem reißfesten Papier, sodass sie nicht mit Leinwand versehen werden mussten.

Das Kreiskartenwerk wurde im Auftrage der Akademie der Pädagogischen Wissenchaften der DDR entwickelt (Entwicklungskosten 14 Mill. Mark/DDR). Die konzeptionellen Grundlagen entstanden in engen Arbeitskontakten zwischen der Pädagogischen Hochschule Potsdam und dem VEB Hermann Haack Gotha. Während des Herstellungsprozesses der Kreiskarten arbeitete der Gothaer geographisch-kartographische Betrieb mit den jeweiligen Pädagogischen Kreiskabinetten zusammen, denen die Andrucke der Handkarten zur Begutachtung vorgelegt wurden. Die Herausgabe der neuen Handkartentitel erfolgte 1980-1988; während die Einblatt-Wandkarten im Zeitraum 1983-1989 erschienen. Zum Teil parallel und analog wurde auch die Erarbeitung des Bezirkskartenwerkes vorgenommen (siehe in Wikipedia unter Bezirkskartenwerk).

Mit den 178 Titeln des einfarbigen Schülerumrißkartenwerkes bildeten die Kreishand- und -wandkarten jeweils ein „didaktisches Medientrio“.

Weiterführende Literatur und Quellen:

BREETZ, E.: Pädagogisch-Technische Aufgabenstellung für Schulwandkarten und Schülerhandkarten des Heimatkreises. Potsdam/Berlin 1976. (PTA/Konzeption; unveröffentlicht).

BREETZ, E.: Das neue Kreiskartenwerk – umfangreichstes schulkartographisches Entwicklungsprojekt. In: Zt. f. d. Erdkundeunterricht, H. 7/1985, S. 255-261.

BREETZ, E.: Entwicklung von Schülerhandkartenwerken für den Heimatkunde- und Geographieunterricht in der allgemeinbildenden Schule der ehemaligen DDR. In: Materialien zur Didaktik der Geographie, H. 16 (Trier 1992), S. 317-325.

BREETZ, E./ LANGER, H.: Kartographische Verlagserzeugnisse aus Gotha für den Geographie- und Heimatkundeunterricht. In: Geographische Berichte, H. 2/1985, S. 123-131.

GÖRTLER, W.: Stufenatlanten für den Geographieunterricht. Gotha 1975. (Unveröffentlichte Studie).

GÖRTLER, W.: Kartographische Unterrichtsmittel aus Gotha für den Heimatkundeunterricht. In: Kartogr. Schriften, Bd. 8 (Bonn 2003), S. 118-126.

NAUNDORF, M.: Neue Kreiskarten – ein wichtiges Arbeitsmittel für den Heimatkundeunterricht. In: Die Unterstufe, H. 11/1955, S. 16-17.

STEINBRÜCK, W.: Über die Herstellung von Kreiswandkarten für das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik. In: Die Unterstufe, H. 10/1959, S. 17-19.

 

1. Abbildung: Karte aus dem "ATLAS für die 4. und 5. Klasse", S. 4 "Deutsche Demokratische Republik - Bezirke und Kreise". VEB Hermann Haack - Geographisch-Kartographische Anstalt, Gotha 1989 - 5. Auflage der Neubearbeitung. (Konzeptionelle Atlasmitarbeit: E.Breetz).

2. Abbildung: Ausschnitt aus der Schülerhandkarte "Kreise Pirna und Sebnitz" (1:100 000). VEB Hermann Haack, Gotha 1984. (PTA & Fachberatung: E.Breetz).

3. Abbildung; Ausschnitt aus der Schülerhandkarte "Kreis Artern" (1:100 000). VEB Hermann Haack - Geographisch-Kartographische Anstalt, Gotha 1984. (PTA: E.Breetz).

4. Abbildung: Thematische Rückseitenkarte Landwirtschaft der Schülerhandkarte "Kreis Königs Wusterhausen" (1:250 000). VEB Hermann Haack - Geographisch-Kartographische Anstalt, Gotha 1982. (PTA & Fachberatung: E. Breetz).

5. Abbildung: Einblatt-Wandkarte (EWK) "Stadt- und Landkreis Potsdam" (1.50 000). VEB H. Haack, Gotha 1981. (PTA & Fachberatung: E.Breetz). Eigene Aufnahme-Konstruktion, Potsdam 2012.

6. Abbildung: Schülerhandkarte "Kreis Rügen" (1:125 000). VEB H. Haack, Gotha 1983. (PTA: E.Breetz).