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Mehrstufiges Schulatlaswerk

Atlas der Erdkunde (Coverausschnitt, DDR)Im Auftrage der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR (APW) erarbeitete der Verfasser (E. Breetz) als internes Diskussionsmaterial eine Studie „Auffassungen und Vorschläge zur Weiterentwicklung des mehrstufigen Schulatlaswerkes“ (Potsdam, d. 25.10.1986), von der nachfolgend einige Auszüge (S. 1-11 des Manuskriptes) wiedergegeben werden. Es möge beachtet werden, dass im Schulwesen der DDR selbstverständlich auch  fast alle Unterrichtsmittel republikweite Verbindlichkeit besaßen und der ATLAS DER ERDKUNDE als Standardwerk ab 1960 für den Geographieunterricht der Klassen 5-12 galt. Nur zeitweilig wurden für die Klassen 5 und 6 verbindliche Stufenatlanten entwickelt. (Sh. auch "Auflistung der Schulatlanten-Titel..." in dieser Homepage).

Notwendigkeit, Begriffs- und Funktionsbestimmung, Gestaltungsaspekte

Mit der Weiterentwicklung des Geographieunterrichts (1) und der damit verbundenen Neubearbeitung des Lehrplanwerkes ergeben sich auch Konsequenzen für die Unterrichtsmittelgestaltung. Bei Erhaltung von Bewährtem und weiterhin effektiv Nutzbarem sind Über- und Umarbeitungen sowie Neuentwicklungen von Lehr- und Arbeitsmitteln im Sinne einer Modernisierung unseres Fachunterrichts zur Bewältigung der qualitativ neuen und höheren Ansprüche in der Bildungs- und Erziehungsarbeit unumgänglich.

Dies trifft insbesondere für die Lehrbücher und die kartographischen Unterrichtsmittel zu. Während die Lehrbücher jedoch jeweils nur für eine Klassenstufe bestimmt sind, umfassen der Funktionsradius und die Einsatzbreite der kartographischen Unterrichtsmittel vorwiegend mehrere Klassenstufen, speziell die Schulatlanten als „Kartenbücher“ des Schülers, für deren weitere Entwicklung einige Anregungen unterbreitet werden möchten.

Meine Anregungen resultieren aus Unterrichtshospitationen, eigener Unterrichtstätigkeit, Aussprachen mit Unterstufen- und Geographielehrern sowie aus theoretischen Untersuchungen zum gegenwärtigen Schulatlaswerk, das durch die beiden Stufenatlanten „Atlas für die 4. und 5. Klasse“ (Kurzbez.: A 4/5) und „Atlas der Erdkunde für die 6. bis 11. Klasse der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule und der erweiterten Oberschule“ (Kurzbez.: AdE) repräsentiert wird. (2)
(S. 1)

In diesem Zusammenhang sei der Begriff „Stufenatlas“ etwas näher erläutert. Der Stufenatlas ist eine altersspezifische Atlasbearbeitung, dessen Inhalt auf den Unterrichtsstoff und dessen graphische Gestaltung auf die altersgemäße geistige Auffassungsfähigkeit der Schüler (also Entwicklungsstand des Wissens und Könnens) spezieller Klassenstufen abgestimmt sind. Stufenatlanten werden also nach Lehrplanzielen und -inhalten unter Berücksichtigung der Altersspezifik der Zielgruppen differenziert bearbeitet, unterscheiden sich somit nicht nur durch die Auswahl der Regionen und Themenkreise, sondern auch in der begrifflichen und graphischen Gestaltung. Dem letztgenannten Kriterium wurde in der Gesamtanlage des gegenwärtigen zweistufigen Schulatlaswerkes noch nicht genügend Rechnung getragen, so daß partielle Überforderungen in den unteren Klassen und Unterforderungen in den oberen Klassen auftreten.

Die Neubearbeitung des Atlaswerkes [...] nimmt insgesamt bei der Weiterentwicklung des Geographieunterrichts als eines natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Integrationsfaches einen hohen funktionalen Stellenwert ein. [...]
(S. 2)

[...]
Bei der Neugestaltung eines mehrstufigen Schulatlaswerkes für die polytechnische und für die erweiterte Oberschule sind vor allem folgende Aspekte zu beachten:

  1. Ziel- und Aufgabenstellung, Lehrgangsaufbau, stoffliche Gliederung und inhaltliche Schwerpunkte des neuen Lehrplanwerkes als Determinanten der Atlasgestaltung
  2. Wirksamkeitseinschätzung und aktualisierte Funktionsbestimmung bisheriger Karten in beiden Atlanten als Grundstock für das neue Atlaswerk.
  3. Internationale Entwicklungstendenzen der geographischen Schulkartographie als Orientierungskriterien für eine moderne, effektiv fachwissenschaftliche und didaktisch-methodische Gestaltung der Atlanten im Sinne der neuen Ziel- und Aufgabenstellungen unseres Fachunterrichts.
  4. Realisierung einer altersgerechten Niveaudifferenzierung gleicher sowie neu aufzunehmender Kartenarten und einer entsprechenden Atlantenstufung zur besseren Integration eines steigenden Anforderungsniveaus für das Kartenlesen und -auswerten im Heimatkunde- und Geographieunterricht.

(S. 3 u. 4)
[...]

Akzente der Neuprofilierung

Die notwendigen Veränderungen der Atlasgestaltung umfassen unter anderem:

  • Maßstabs- und/oder Blattschnittveränderungen sowie partielle inhaltliche und/oder graphische Umgestaltung vorhandener Kartentitel,
  • Aufnahme neuer Regionalausschnitte,
  • thematische und graphische Neugestaltung von Karten,
  • Entwicklung aussagekräftiger Kartenserien und
  • neues Anordnungsgefüge der Karten in den Atlanten (regionale, maßstäbliche und thematische Abfolgen).
Bei der Auswahl aller Kartentitel muß eine präzise Abstimmung mit den Lehrbuchkarten erfolgen, die meist nur analytische bzw. aufgliedernde Darstellungen (thematisch eingeengte Elementkarten) sind.

[...]
(S. 5)

[...]

Entsprechend dem heutigen Entwicklungsstand der Geowissenschaften und den internationalen Entwicklungstendenzen sowie im Hinblick auf eine lebensverbundene allgemeinbildende  Berufsvorbereitung der Schüler sollten für die zukünftige Atlasgestaltung folgende Neuorientierungen berücksichtigt werden (4):

  1. Kombinierte Darstellungen von orthogonal angelegtem (Luft-/Satelliten-) Bild und Karte
  2. Aufnahme von orthogonalen Satellitenbildern und Satellitenbildkarten (5) als eigenständige kartenverwandte thematische Darstellungen für typische Regionalbeispiele;
  3. Einführung naturnaher Bodenbedeckungs- bzw.Landschaftskarten als sehr wirklichkeitsähnliche Abbildungen;
  4. verstärkte Verknüpfung des qualitativen mit dem quantitativen Darstellungsprinzip (was – wo – wie );
  5. Entwicklung von synthetisierenden Darstellungsfomen bzw. von Integrationskarten;
  6. Vervollkommnung des dynamisch-genetischen Darstellungsprinzips.

(S. 6 u. 7)

Diese Neuorientierungen sind bei der Modernisierung unseres Schulatlaswerkes jedoch einzuordnen in die Gestaltungsdifferenzierung von Karten im Sinne einer kontinuierlichen
Steigerung des Anforderungsniveaus ihrer Nutzung.[...]

Die selbstverständlich nur begrenzt ausgewählte Aufnahme von didaktisch geeigneten farbechten Satellitenbildern als modernen Mitteln der Fernerkundung und den aus ihnen abgeleiteten naturnahen Landschaftskarten dient nicht nur der Erhöhung der konkreten Anschaulichkeit abgebildeter Territorien. Diese neuen Atlaselemente sind als ergänzende Einheit mit konventionellen Kartenarten zu nutzen, zumal sie typische Strukturen der Erdoberfläche eindeutger und eindrucksvoller sichtbar machen können.

Das Eliminieren der optischen Wahrnehmung der dritten Dimension erschwert im Schulunterricht das Erfassen der Inhalte von steilen Luftaufnahmen und von Satellitenbildern (Auftreten des „Umkehreffektes“ bzw. des Pseudoeffektes etc. bei Betrachtung von Territorien etwa nördlich des Nördlichen Wendekreises). Daher gilt für die Gestaltung und Nutzung von aerodynamischen und kosmischen Aufnahmen im Schulunterricht folgende Beachtung:

Der Fachexperte/Fachmann sieht, was er weiß.
Der Schüler sieht, was er wahrnimmt.

Diese „Faustregel“ gilt abgewandelt auch für das Kartenlesen und für das Kartenauswerten. (Kartenkundiger – Kartenunkundiger).
(S. 8)

Atlantenstufung

Aus den erwähnten Gründen und Aspekten zur Neuformierung unserer Schulatlanten für den Heimatkundeunterricht der Klassen 3 und 4 und für das Fach Geographie ab Klasse 5 ist eine Dreistufigkeit des durch einheitliche Linienführung abgestimmten und in sich abgeschlossenen Schulatlaswerkes zu empfehlen, wobei in nur sehr bescheidenem Umfang eine doppelte Präsenz von Kartentiteln notwendig wäre. Eine mögliche Variante sei im folgenden kurz skizziert (6):

  1. Geographischer Elementaratlas für die Klassen 3 bis 5
    (etwa 25 % mehr Seitenumfang als der jetzige „Atlas für die 4. und 5. Klasse“):
    Bild – Karten – Serien zur Einführung in das Kartenverständnis (partielle Übernahme von entsprechenden Teilen aus den Heimatkundelehrbüchern der Klassen 3 und 4 in Abstimmung mit Motiven des gegenwärtigen Atlasteils);
    weitgehende Übernahme der Übersichts- und Detail- bzw. Nebenkarten zur DDR;
    Neubearbeitung der Bezirksgruppenkarten;
    Übernahme der RGW- und Weltkarten;
    Neuaufnahme je einer naturnahen Landschaftskarte vom DDR- und Erdterritorium sowie von einer Erdkarte zur Bevölkerung.
  2. Geographischer Weltatlas für die Klassen 6 bis 8
    (etwa 35 % weniger Seitenumfang als der jetzige „Atlas der Erdkunde“):
    Veränderte regional-systematische und thematische Kartenfolgen;
    weitgehende Übernahme allgemein-geographischer und thematischer Übersichtskarten;
    Verringerung des Anteils der DDR-Karten und vor allem der thematischen Nebenkarten in den regionalen Blöcken;
    Anwendung quantitativer Darstellungsmethoden auf Industriekarten für Kontinentübersichten;
    Neugestaltung der Generallegende für Landwirtschaftskarten und damit für die komplexen Wirtschaftskarten;
    Neuaufnahme je einer naturnahen Landschaftsdarstellung für Kontinentkarten (möglichst in Gegenüberstellung mit der jeweilgen allgemein-geographischen Karte).
    (S. 9)
  3. Thematischer Atlas für die Klassen 9 bis 11
    (ca. 40 Seiten Umfang, dabei partielle Übernahme von Kartentiteln aus dem „Atlas der Erdkunde“):
    Thematische (analytische, genetische, synthetisierende und quantifizierende) Karten zur allgemeinen physischen Geographie für Weltmaßstäbe und Regionalbeispiele;
    Satellitenbilder und Satellitenbildkarten für ausgewählte Landschaften;
    thematische (analytische, komplexanalytische, dynamische, synthetisierende und quantifizierende) Karten zur allgemeinen ökonomischen Geographie vorrangig für Weltmaßstäbe sowie für das RGW-Territorium und speziell für das Gebiet der DDR;
    großmaßstäbige thematische Darstellungen zur Wirtschaft ausgewählter Territorien sozialistischer Staaten.

Somit hätte jeder der drei Stufenatlanten für den Schüler eine Laufzeit von nur 3 Jahren (der jetzige „Atlas der Erdkunde“ dagegen von 5 bzw. 6 Jahren), so daß auch eine ökonomisch-rationelle Laufendhaltung (Aktualisierung) ermöglicht wird. Dabei berücksichtigt jeder Stufenatlas vorrangig lineare und nur in geringem Maße konzentrische Kartenfolgen.

Eine andere mögliche Dreierstufung wäre je ein Stufenatlas
für die Klassen 3 und 4 (Heimatatlas),
Klassen 5 bis 8 (Welt- oder Kontinentatlas) und
Klassen 9 bis 11 (Thematischer Atlas),
wobei jedoch der nahtlose Übergang vom Heimatkundeunterricht der Klasse 4 zum Geographieunterricht der Klasse 5 erschwert wird und mehrere Karten doppelt erscheinen müßten.

Der Verfasser plädiert daher für die oben skizzierte Dreierstufung, die gleichzeitig den Heimatkundeunterricht der Klassen 3 und 4 als partiellen Basisunterricht für unser Fach und speziell auch für die Kartenarbeit in das Gesamtsystem der Atlantenstufung integriert.
(S. 10)

Anmerkungen:

(1) Vgl. SCHLIMME, W.: Zur Diskussion gestellt: Die Weiterentwicklung des Geographieunterrichts. In: Zt. f. d. Erdkundeunter., H. 6/1986, S. 199-218.
(2) Vgl. BREETZ, E./ GÖRTLER, W.: Überarbeiteter „Atlas für die 4. und 5. Klasse“. In: Zt. f. d. Erdkundeunter., H. 7/1986, S. 253-256,
HERRMANN, S./ FINDEISEN, G./ KOHLMANN, R.: Die Neubearbeitung des Atlas der Erdkunde für die Klassen 6 bis 11. In: Geogr. Ber., H. 4/1977, S. 283-286,
SASS, A.: Zum Erscheinen des „Atlas der Erdkunde“ - Neubearbeitung. In: Zt. f. d. Erdkundeunter., H. 10/1976, S. 378-381.
[...]
(4) Vgl. BREETZ, E.: Entwicklungstendenzen der Gestaltung geographischer Karten für den Schulunterricht. In: Potsd. Forsch. d. PH Potsdam, Reihe C, H. 64 (1986), S. 32-65.
(5) Satellitenbildkarten sind Satellitenbilder mit partiellem Überdruck von kartographischen Symbolen und namentlichen Bezeichnungen zur Erleichterung der Identifizierung und  zur besonderen Kennzeichnung von Bildinhalten.
(6) Vgl. GÖRTLER, W.: Stufenatlanten für den Geographieunterricht. Gotha 1975  (unveröffentlichtes Manuskript).
(S. 11)

 

Abbildung: Coverausschnitt des "ATLAS DER ERDKUNDE für die allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen". Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin/VEB Hermann Haack Geographisch-Kartographische Anstalt Gotha, 1975 - 15. Auflage (10. Auflage der Neubearbeitung).