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Naturnahe Gestaltung in der Schulkartografie

Kartenausschnitt SüdwestdeutschlandDie rasanten Entwicklungen in der Satellitenfotografie, im Fernsehen, in der PC – Programmierung, in der Alltags-Piktographie und in anderen Visualisierungsbereichen fördern und erfordern im analogen Gefilde der Kartografie eine naturnahe Gestaltung von kartografischen Medien für den „Normalverbraucher“.
(Das digitale Arbeitsfeld wird an dieser Stelle nicht näher erörtert.)

Dies gilt auch besonders für die Schulkartografie, zumal die Schüler von heute (2009) und morgen „am Computer heranwachsen“. Was sich nicht wenige Erwachsene mit Akribie in der Arbeit am Personalcomputer erschließen, erlernen viele Kinder und Jugendliche „spielend“ im Umgang mit einem Computer. Sehr visuell-anschaulich und eindrucksvoll im Dialog sowie durch mögliche Interaktivität werden über die elektronischen Medien mit naturnahen Effekten vielseitige Vorstellungen und Erkenntnisse gewonnen.

Dennoch ist das Bemühen um eine naturnahe bzw. wirklichkeitsähnliche Kartengestaltung in der Schulkartografie nicht nur eine aktuelle Notwendigkeit, sondern eine Tendenz, die schon seit etwa 50 Jahren als eine Renaissance in der kartografischen Medienwelt zu beobachten ist. Bereits 1952 äußerte sich u.a. der sehr bekannte Leipziger Geograf und Kartograf E. Lehmann:  „Gegenwärtig nun vertieft sich das kartographische Problem in der Richtung, aus der Flächenhaftigkeit des Kartenbildes die räumliche Tiefe und Lebendigkeit der Landschaft wieder entstehen zu lassen. ... Wir stehen vor einer Wende. Der moderne Mensch greift zu allem, was von der Abstraktion wegführt und mit Bestimmtheit zur Konkretion, zur Anschaulichkeit, leitet“ (24, S. 73 u.77).

Die Anwendung des naturnahen Gestaltungsprinzips hat zwei Bezugsebenen:

  1. Inhaltliche Elemente konventioneller Kartenarten (z. B. Darstellung des Reliefs, der Vegetation bzw. der Bodenbedeckung)

  2. Neue Kartenarten (z. B. Geographische Grundkarten, Relieftypenkarten).

Beide Bezugsebenen treffen auch für die Schulkartografie zu, dennoch gilt hier nicht: Naturnahe Gestaltung um jeden Preis! Spezielle Zielgruppe (Schultyp, Klassenstufe) und spezielle Zielfunktionen (Lehr-/Rahmenplananforderungen) bilden die Determinanten für die Gestaltung von Karten für den Schulunterricht, jedoch unter Beachtung aktueller Gestaltungstendenzen und des wissenschaftlich-technischen Entwicklungsstandes.

Es erfolgen hierzu einige Auszüge aus dem Beitrag des Verfassers „Betrachtungen zu Entwicklungstendenzen naturnaher und thematischer Kartengestaltung“ in der Wiss. Zt. d. PH Potsdam, H. 3/1985, S.  459-469.

Zur ersten Bezugsebene nahmen wir in einer anderen Untersuchung (11) bereits Stellung im Hinblick auf die mögliche Ersetzung des abstrakt-symbolischen Höhenschichtenkolorits durch die von E. Imhof entwickelte gleitende luftperspektivische Farbleiter (22) oder durch naturnahe Farbtöne der Vegetationsbedeckung, wie sie beispielsweise durch Reliefkarten mit Bodenbedeckungsfarben (fiktiver Anblick bei staub- und dunstfreier Atmosphäre) im „ Reader's Digest Weltatlas“ (Stuttgart 1963) vorgestellt wurden, und begründeten die Beibehaltung der konventionellen hypsometrischen Farbleiter für allgemein-geographische Karten in unserer Schule. Für die Verwendung von bildhaften, assoziationsfördernden Symbolen auf ökonomisch-geographischen Karten für den Heimatkundeunterricht und für die ersten Klassenstufen des Geographieunterrichts plädierten wir in einer speziellen Studie (14).
(S. 460)

Hinsichtlich der zweiten Bezugsebene befaßten wir uns mit der Konstruktion und unterrichtlichen Erprobung von Raumbildmaterialien (Anaglyphenkarten) (9), die durch ihre dreidimensionale Wirkung naturnahe Effekte hervorrufen.

[...]

Ferner untersuchten wir theoretisch und praktisch die mögliche Eignung der Relieftypenkarten des „ Haack Großer Weltatlas“ (Gotha/Leipzig 1968) als topographische Grundkarten für den Schulunterricht und kamen zu einer abschlägigen Entscheidung, aber auch zu dem Ergebnis, daß sie als thematische Karten eine sehr nützliche Bereicherung des methodischen Instrumentariums für spezielle Stoffeinheiten einiger Klassenstufen sein dürften (12).

Als neue Kartenart – gleichsam als Übergangsform von der allgemein-geographischen Karte zur thematischen Karte – scheint sich, stimuliert und gefördert besonders durch die Ergebnisse der Satellitenphotographie, die „ Bodenbedeckungskarte“ in inhaltlichen Kombinationsvarianten von natürlicher Vegetation und gesellschaftlicher Bodennutzung in der Schulkartographie immer mehr zu behaupten. Sie wird mit ihrem wirklichkeitsähnlichen (landschaftsfarbigen) bzw. assoziationsfördernden Flächenkolorit (z. B. durch Anwendung „warm“ und „kalt“ sowie „feucht“ und „trocken“ wirkender Farbtonreihen) auf unterlegter Schummerung und mit den übrigen topographischen Elementen der traditionellen allgemein-geographischen Grundkarte (den administrativen Grenzen, den Gewässern, Siedlungen und Verkehrswegen) zur bildhaft-anschaulichen Themakarte größerer Maßstäbe oder sogar zur topographischen Grundkarte für alle Maßstabsgruppen deklariert. [...]

So enthalten beispielsweise der „ Westermann Schulatlas – Große Ausgabe“ (Braunschweig 1970) und der „ Diercke-Weltatlas“ (Braunschweig 1974) in  Anwendung des exemplarischen Auswahlprinzips mehrere Bodenbedeckungskarten [...]

Eine ähnliche Grundlage in der Einbeziehung von Bodenbedeckungskarten weist auch der österreichische „ Freytag-Berndt Unterstufen-Schulatlas“ (Wien 1979) auf. [...]
(S. 461)

Besonders beachtenswert sowohl hinsichtlich wirklichkeitsähnlicher Kartengestaltung als auch im Hinblick auf die Neuentwicklung von Karten mit erweiterter allgemein-geographischer Aussage ist der „ Alexander Weltatlas“ (Stuttgart 1976), der als topographische Grundkarte für alle Maßstabsgruppen und Regionen neue Kartenarten anstelle der herkömmlichen „physischen“ bzw. allgemein-geographischen Karten enthält. In den großen und mittleren Maßstäben (bis 1:15 000 000) wird die als geographische Grundkarte bezeichnete Kartenart (34) durch den Titel „ Landschaft und Wirtschaft“ repräsentiert. [...]
(S. 462)

In der 1982 erschienenen neuen und stark veränderten Gesamtausgabe des „ Alexander Weltatlas“ mit seinem regional angelegten „Grundteil“ und dem sachlogisch gegliederten „thematischen Teil“ ist die Anzahl der erwähnten „geographischen Grundkarten“ unter dieser Bezeichnung (anstelle des Titels „Landschaft und Wirtschaft“) für die großen und mittleren Maßstäbe noch etwas erweitert worden; [...]

Als herausragend in der Entwicklungstendenz naturnaher Kartengestaltung muß der als internationale Koedition erschienene „ Geographische Atlas“ (Stockholm 1982) für die Schulen der Volksrepublik Angola angesehen werden, der als allgemein-geographische Karten bzw. geographische Grundkarten Bodenbedeckungskarten verwendet, deren konturenloses Flächenkolorit mit eingearbeiteter Schräglichtschummerung eine bestmögliche Annäherung an die Farbtöne und Modellierung der Landschaft aufweist.
[...]
(S. 463)

Literatur

Abkürzungen

PGM - Petermanns Geographische Mitteilungen

ZfE - Zeitschrift für den Erdkundeunterricht

 

2 Arnberger,E. und  F. Mayer: Schulkartographie im Wandel. - Allg. Vermess.-Nachr. 79 (1972) 11, S. 462-470.

9 Breetz, E.: Anaglyphen  zur Unterstützung der Raumvorstellung und des Kartenverständnisses im Geographieunterricht. - ZfE 18 (1966) 11, S. 413-424 (mit Bild- und Kartenbeilage).

11 Breetz, E.: Die Reliefdarstellung auf allgemein-geographischen und ausgewählten thematischen Karten für den Geographieunterricht. - Potsdamer Forschungen, Reihe C, H. 12, PH Potsdam 1973.

12 Breetz, E.: Relieftypenkarten des „Haack Großer Weltatlas“ - geeignete Muster eines morphographischen Kartentyps für die geographische Allgemeinbildung. - Wiss. Zt. d. PH Potsdam 18 (1974) 3, S. 445-454.

14 Breetz, E.: Gestaltungsprobleme ökomisch-geographischer Atlas- und Wandkarten für den Geographieunterricht. Wiss. Zt. d. PH Potsdam 22 (1978) 3, S. 267-274.

22 Imhof, E.: Kartographische Geländedarstellung. - Berlin 1965.

24 Lehmann, E.: Die Kartographie als Wissenschaft und Technik. - PGM  96 (1952) 2, S. 73-84.

34 Schulze, H.: Alexander Weltatlas. - Mitt. d. Österr. Geogr. Gesellschaft 120 (1978) I, S. 197-140.
(S. 468/469)

Mögen diese Gedankengänge aus der Vergangenheit einige Anregungen für schulkartografische Gestaltungskriterien der Gegenwart geben. (Im Quellenverzeichnis des obigen Beitrages sind nur die in den Textauszügen erwähnten Literatur-Positionen aufgeführt.)

Die bildhaften und naturnahen „Landschaftskarten“ in den vorwiegend für die Sekundarstufe I empfohlenen themenreichen und grafisch vielseitigen Alexander-Weltatlanten haben bisher (2008) wohl noch nicht den breiten Zuspruch als Basiskarten in der Schulpraxis erhalten. Die von den „geographischen Grund-“ bzw. „Übersichtskarten“ abgeleiteten Landschaftskarten (Gewässer, Reliefdarstellung durch Schummerung und Höhenzahlen, Wald- und Landwirtschaftsflächen, Orte, Verkehrswege) – in größeren und mittleren Maßstäben oftmals mit den durch Gebietslagesignaturen gekennzeichneten landwirtschaftlichen Anbauarealen kombiniert – sind für Durchschnittsschüler als „Nichtinsider“ vermutlich eine Überforderung (inhaltlich und grafisch überladen; mehr Lexikon als Abbildung). Weniger ist mehr!

Eine unmittelbar optische Gegenüberstellung der Karten  „Afrika - Physische Übersicht“ und „Afrika - Landschaftsübersicht“ (S. 160 und S. 161 im ''Haack - Weltatlas'', 2007 ff.) ermöglicht einen direkten Vergleich zwischen der traditionellen allgemein-geografischen und der neuen landschaftsfarbigen Darstellungsform.

Im Unterschied zur „Höhenschichtenkarte“ (Gewässer; Reliefwiedergabe durch Höhenschichtenfarben und Schummerung; Staatsgrenzen; Siedlungen; Verkehrswege in größeren Maßstäben) als allgemein-geografischer Karte wird in den Alexander-Atlanten  die Landschaftskarte und im Haack Weltatlas, in dem auch einige Karten der Alexander-Atlanten vertreten sind, die „Landschaftsübersichtskarte“ vornehmlich als thematische Karte in der Schulpraxis betrachtet.

 

Abbildung: Ausschnitt aus dem KombiAtlas "ALEXANDER - Erdkunde, Geschichte, Sozialkunde, Wirtschaft", S. 12/13 "Deutschland (Südteil), Landschaften". Klett-Perthes Gotha und Stuttgart, 2003 - 1. Auflage.