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Nutzerorientierte Gestaltung in der Schulkartografie

Heimatatlas Mecklenburg-Vorpommern, Cornelsen/Volk und WissenSeit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wird international den Beziehungen zwischen der Gestaltung und der Nutzung von kartografischen Medien und speziell auch dem Problem der Kartennutzung verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet (1; 2; 6; 7; 8).

„Hüten wir uns, in Bezug auf unser Zeichensystem selbstgefällig allein zu bestimmen, was gut und was schlecht ist. Kartographen sollen als Dolmetscher die Übermittlung von Informationen erleichtern und nicht erschweren. [Andererseits] sollte jede kartographische Kommunikation von einem Benutzertyp ausgehen können, der über ein bestimmtes Mindestmaß an Eigenrepertoire verfügt [...].

[...]
Das Repertoire des Benutzers muß dem Informationsdargebot angemessen sein. Das ist ein externes Problem der allgemeinen Bildung, und dabei wird deutlich, welcher hohe Stellenwert in diesem Zusammenhang eigentlich der Schulkartographie zukommen sollte“
(5, S. 147 u. 148).

Im Unterschied zur alten Bundesrepublik Deutschland (BRD 1949-1990), in der die Schulkartographie in der Kartographie ihre wissenschaftliche Heimat hatte, war sie in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in der Volksbildung angesiedelt. Im westdeutschen Staat folgte die Neuentwicklung von Unterrichtsmedien meist einer Marktlücke; in Ostdeutschland erfolgte die Neuentwicklung bzw. Veränderung von schulkartographischen Lehr- und Arbeitsmitteln gemäß einem zentralen „ Unterrichtsmittelbedarfsplan“, also entsprechend einer Bedarfslücke. Vielgestaltigkeit der Unterrichtsmedien in den 11 föderalen Bundesländern – zentrale Gestaltung von verbindlichen Unterrichtsmitteln für die Schulen des Landes von Kap Arkona bis zum Fichtelberg.

Die Marktlücke ist nicht immer eine Bedarfslücke; der Marktwert eines Mittels ist nicht immer graduell identisch mit seinem Gebrauchswert (4).

Die Vorstellungen des Gestalters von kartografischen Medien entsprechen nicht grundsätzlich vollauf den Bedürfnissen des Kartennutzers. Kartengestaltung und Kartennutzung beeinflussen sich wechselseitig (3; 7). Eine allgemein-geografische Deutschland-Karte zum Beispiel ist für Klasse 12 im Gymnasium inhaltlich und grafisch etwas anders zu gestalten als für die Klasse 5 in der Realschule. Nicht nur Lehrplanvorgaben, sondern auch didaktisch-methodische Funktionen und Niveaustufen müssen beachtet werden.

Keinen Mediendeterminismus in der Entwicklung von schulkartografischen Lehr- und Arbeitsmitteln anwenden („Hier ist das Mittel; mal schauen, was man damit alles machen kann“)! Die Befriedigung von speziellen Bedürfnissen der Nutzer (Lehrer und Schüler) sollte die Gestaltung bestimmen (2; 3). Diese Bedürfnisse sind schultypenadäquate und klassenstufenbezogene Lehrplanziele und -inhalte sowie das Bedingungsgefüge der Schüler (Altersgemäßheit, Erfahrungen, Vorleistungen im Wissen und Können u.a.).

Das heißt, auch die Entwicklung von benötigten kartografischen Medien für die Schule muß unter Beanspruchung optimaler kartografischer und reprotechnischer Gestaltungsmöglichkeiten eindeutig nutzerorientiert sein. Ein bestmöglicher, effektiver Gebrauchswert für die speziellen Zielgruppen ist anzustreben. Kartengestaltung und Kartennutzung sollten gleichrangig und koordiniert bearbeitet werden; im günstigen Falle auch vom gleichen Personenkreis, in dem „Kartenmacher“ und „Kartenverbraucher“ vertreten sind (2; 7).

Auch und besonders für die Schulkartografie gilt:
Brillanz grafischer Ausdrucksfähigkeit und
Prägnanz inhaltlicher Aussagekraft sind nicht unbedingt
Repräsentanz eines optimalen Gebrauchswertes von Karten für den Schulunterricht.

Literatur

1 ARNBERGER, E. und KRETSCHMER, I.: Wesen und Aufgaben der Kartographie - Topographische Karten. Wien 1975.

2 BREETZ, E.: Zur Entwicklung der Schulkartographie in der Deutschen Demokratischen Republik. In: Wiss. Zt. d. PH Potsdam, H. 3/1982, S. 357-375.

3 BREETZ, E.: Nutzerorientierte Entwicklung kartographischer Unterrichtsmittel in der geographischen Schulkartographie der ehemaligen DDR. In: Kartogr. Nachr., H. 6/1991, S. 218-222.

4 GAEBLER, V.: Zum Gebrauchswert kartographischer Darstellungen. In: Peterm. Geogr. Mitt., H. 2/1979, S. 127-134.

5 HAKE, G.: Kartographie und Kommunikation. In: Kartogr. Nachr., H. 4/1973, S. 137-148.

6 HÜTTERMANN, A.: Die Karte als geographischer Informationsträger. In: Geographie und Schule, H. 2/1979, S. 4-13.

7 OGRISSEK, R.: Theorie der Kartengestaltung und Theorie der Kartennutzung als Hauptkomponenten eines Systems der Theoretischen Kartographie für Ausbildung und Forschung. In: Intern. Jb. f. Kartographie 21 (1981), S. 133-149.

8 PAPAY, G.: Funktionen kartographischer Darstellungsformen. In: Peterm. Geogr. Mitt., H. 3/1973, S. 234-239.

 

Abbildung: Cover des "HEIMATATLAS Mecklenburg-Vorpommern". Verlag Cornelsen/Volk und Wissen. Berlin 2009 - 4. Auflage, 1. Druck. (Atlaskonzeption: E.Breetz).