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Thematische Kartengestaltung

Vier thematische KartenSeit etwa Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts repräsentiert die thematische Kartengestaltung die wesentlichste internationale Reformbestrebung in der traditionellen Schulkartografie. Details zu diesem Themenbereich, der auch im digitalen Zeitalter seine Aktualität nicht verloren hat, mögen den folgenden Auszügen aus einer Studie des Verfassers  „Betrachtungen zu Entwicklungstendenzen naturnaher und thematischer Kartengestaltung“  in der Wissenschaftlichen Zeitschrift der PH Potsdam, H. 3/1985, S. 459-469, entnommen werden.

[...]
Es ist heute festzustellen, daß die Thematische Kartographie, nachdem sie Anfang der sechziger Jahre ihre eigenen Grundsatzfragen beantwortet und ihre disziplinäre Stellung festgelegt hat (1, 22, 35), gerade auf dem Gebiet der Schulkartographie (speziell in der Schulatlaskartographie) ein sehr breites Anwendungsspektrum und Pionierfeld gefunden hat (3, 4, 5) - durch weitere Spezifizierung analytischer Darstellungen, durch komplexe Karten, durch Karten mit synthetisierenden Aussagen und durch das Vordringen dynamischer Darstellungselemente neben der noch vorhandenen Dominanz statischer Abbildungsformen - . [...]
(S. 465)

Im Hinblick auf eine lebensverbundene Durchführung des Geographieunterrichts sollten für die thematische Kartengestaltung in der nächsten Zukunft folgende Anregungen beachtet werden:

  1. Verstärkte Berücksichtigung des quantitativen Darstellungsprinzips, insbesondere auf ökonomisch-geographischen Atlas- und Wandkarten, wozu beispielsweise mit der Herausgabe der Wandkarte „Afrika – Industrie“ (18) [...] Ansätze zur weiteren Präzisierung von kartographischen Aussagen gegeben sind.
    Damit werden die Schüler noch gezielter auf ihr Berufsleben vorbereitet, in dem ihnen als kartographische Arbeitsunterlage thematische Karten und besonders Kartogramme und Kartodiagramme begegnen werden. Vielfältige Muster quantitativer Darstellungsweisen für eine analoge bzw. modulierte Anwendung in der Schulkartographie bietet der 1976 in erster Lieferung erschienene Nationalatlas „Atlas Deutsche Demokratische Republik“ (8, 27). [...]
  2. Entwicklung von synthetisierenden Darstellungsformen bzw. von Integrationskarten (28) zur Wiedergabe ökonomisch-geographischer Sachverhalte und landschaftsökologischer Erscheinungsformen, um den Schülern nicht nur einzelne, kategorial heterogene Strukturen, sondern vor allem auch Typen von Landschaften und Wirtschaftsterritorien und damit Wirkungsgefüge in ihrer räumlichen Anordnung und Verteilung zu verdeutlichen.
    [...]
    Serienhafte Anlage von analytischen Karten kausal bzw. funktional verbundener Themen und der entsprechenden Synthese-Karte wären als Atlasseite oder als kombinierte Wandkarte für die Klassen 9 und 10 zu empfehlen. Synthese-Karten für den Schulunterricht wären mitunter auch als mehrschichtige Karten, wie beispielsweise in der Kombination von analytischer, komplexanalytischer oder komplexer Grundkarte und thematisch-synthetischem Aufdruck, möglich, so daß wesentliche Strukturelemente bzw. Wirkungsfaktoren der merkmalsintegrativen Raumeinheiten in ihrer Lagebeziehung resp. -zuordnung unmittelbar vom Schüler erkannt werden können.
    [...]
    (S. 266)
  3. Vervollkommnung des dynamisch-genetischen Darstellungsprinzips durch thematische Differenzdarstellung verschiedener Zeitabschnitte oder durch Überlagerung zeitlich fixierter Themenschichten sowie durch Bewegungssignaturen.

    [...]
    Bewegungssignaturen fanden bisher vor allem als farbige Pfeile zur Darstellung von Luftbewegungen und Meeresströmungen und als quantifizierende Farbbänder zur Darstellung von Güterströmen auf entsprechenden thematischen Atlas- und Wandkarten sowie auf Lehrbuchkarten bereits ein relativ breites Anwendungsspektrum. Doch dürfte diese Darstellungsmöglichkeit kartographischer Aussagen zum schnellen Erfassen von Prozessen in Georäumen noch nicht ausgeschöpft sein, insbesondere in bezug auf die unmittelbare Transparenz von ökonomisch-geographischen Funktionsabläufen.
    [...]

(S. 467)

LITERATUR

Abkürzungen

PGM - Petermanns Geographische Mitteilungen
ZfE - Zeitschrift für den Erdkundeunterricht

(1) Arnberger, E.:  Handbuch der thematischen Kartographie. Wien 1966.
(3) Aurada, F.:  Synthese, Quantitätsdarstellung und Dynamik – Kernfragen der thematischen Schulkartographie.  Internationales Jahrbuch für Kartographie 8 (1968), S.113-135.
(4) Aurada, F.:  Das Vordringen thematischer Darstellungen in Schulatlanten – ein Weg zur gegenwartsnahen Kartographie.  Kartogr. Nachrichten 19 (1969), 5, S. 185-196.
(5) Aurada, F.:  Fünfundzwanzig Jahre Schulatlas-Entwicklung im deutschsprachigen Raum.  Kartogr. Nachr. 31 (1981) 3, S. 86-99.
(8) Benedict, E., und R. Ogrissek:  Der  „Atlas Deutsche Demokratische Republik“.  PGM 124 (1980) 2, S. 153-159.
(18) Breetz, E., und W. Görtler:  Neue Wandkarte „Afrika – Industrie“ für Klasse 8.  ZfE 32 (1980) 11, S. 434-437.
(22) Imhof, E.:  Thematische Kartographie.  (West-)Berlin/New York 1972.
(27) Lehmann, E.:  Charakteristik der themengebundenen kartographischen Gestaltungsgrundsätze. - Der „Atlas DDR“ im Vergleich zu anderen Nationalatlanten.  PGM 114 (1970) 2, S. 152-158.
(28) Lehmann, E.:  Kartographie im Dienst der Umweltforschung.  Wissenschaft und Fortschritt 24 (1974) 4, S. 138-143.
(35) Witt, W.:  Thematische Kartographie.  Hannover 1970. (S. 468/469)

Dieser Beitrag steht im Kontext zu den Menüs „Naturnahe Kartengestaltung“ und „Wirtschaftskarten“. (Im vorliegenden Literaturverzeichnis sind nur die Positionen enthalten, die in den Textauszügen Erwähnung fanden.) Die Thematische Kartografie hat in der Schulkartografie während der letzten Jahrzehnte (ca. 1985-2008) das Parkett erobert; sowohl in der inhaltlich-thematischen als auch in der grafischen Gestaltung von Atlanten, Schülerhandkarten, Schülerarbeitsheften, Wandkarten, Postern und Projektionsfolienkarten.
(Wir beziehen uns fast ausschließlich auf die Printmedien.)

„Fallbeispiele“ bestimmen gegenwärtig (2008) weitgehend das Titelsortiment, das auch häufig  Paarbildung von Karten und Bildern aufweist. Die allgemein-geografischen („physischen“) Übersichtskarten - einst das Herzstück jedes Schulatlasses - bilden häufig jeweils nur noch das regionale Entree der thematischen und lokalen Fallbeispiele, die oft auch eine Grundlage für die selbständige  Schülerarbeit und für den fachübergreifenden Unterricht sind. Klima, Geologie/Tektonik, Landschaftsgestaltung, Umweltprobleme, historische  Territorialentwicklungen, Bevölkerungsdynamik und -struktur, Migration, Wirtschaft und (strukturelle oder funktionale) Stadtplanausschnitte sind thematische Schwerpunktbereiche.

Kartogramme und Kartodiagramme sowie eigenständige grafische Darstellungen in unmittelbarer Nachbarschaft zur Karte dokumentieren das vielseitige Beachten quantitativer, synthetisierender und dynamisch-genetischer Darstellungsprinzipien, wodurch auch die statistische Aussagekraft von Karten wesentlich erhöht wird. Thematische Serien, zeitliche und regionale Gegenüberstellungen prägen nicht selten das Antlitz der Kartenblätter, die ja den Schülern nicht nur Vorstellungen von räumlichen Ordnungsgefügen vermitteln, sondern sie vor allem zum Erkennen von Wirkungsgefügen führen sollen.

Globale Themen aus der physischen und aus der anthropogenen Geografie sowie aus der Geschichte werden verstärkt aufgegriffen.

Bevorzugtes Experimentierfeld und dokumentarische Plattform sind die Schulatlanten; von einschlägigen Neuentwicklungen mögen stellvertretend nur genannt werden: HAACK Weltatlas (2007 ff.) und DIERCKE  Weltatlas (2008 ff.).

Einige Bemerkungen mögen noch zur heutzutage (2011) bevorzugten "kartografischen Inseldarstellung" gemacht werden, indem ein Teil der Kartenfläche/des Kartenspiegels mit grafisch gedämpfter und inhaltlich reduzierter topografischer Situation thematisch als Region bearbeitet wird. Der regionale Aspekt sollte jedoch nicht überbetont werden.

Sachsen-Anhalt, Tourismus"Thematische Inseldarstellungen" administrativer Gebiete (Grenzen werden mitunter häufig geändert) sind für anthropo-geografische Themen (z.B. Bevölkerungsdichte, Industriestandorte, landwirtschaftliche Nutzung, Verkehrsnetz etc.) zu empfehlen. Aber für physisch-geografische Themen (z.B. Geologie, Geomorphologie, Bodenkunde, Klimatologie etc.) ist die inselartige Form nicht sehr zu beanspruchen, zumal diese Themen oftmals anthropogen-grenzüberschreitend sind. Eine grafische Betonung administrativer Grenzen wird auch bei thematischer Bearbeitung des gesamten Kartenspiegels die im Kartentitel genannte Region topografisch exakt erkennen lassen.

 

1. Abbildung: Kartenseite  aus dem KombiAtlas "ALEXANDER - Erdkunde, Geschichte, Sozialkunde, Wirtschaft", S. 5 "Unterschiedliche Kartentypen". Klett-Perthes Gotha und Stuttgart 2003 - 1. Auflage.

2. Abbildung: Nebenkarte aus dem "HEIMATATLAS Sachsen-Anhalt", S. 24 "Sachsen-Anhalt: Tourismus und Erholung" (Seitenausschnitt). Cornelsen Verlag, Berlin 2012 - 1. Aufl. d. Neubearb., 1. Druck. (Konzeptionelle Atlasmitarbeit: E.Breetz).