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Verfahrensweisen der Kartennutzung im Schulunterricht

Start in die Kartenwelt (Coverausschnitt), WestermannDie Kartenarbeit in der allgemeinbildenden Schule umfasst zwei Hauptfelder:

  1. Arbeit an der Karte (Einführung in das Kartenverständnis; Wesen und Grundfunktionen einer Karte): Die Karte als Erkenntnis-/Lern-/Unterrichtsgegenstand.
  2. Arbeit mit der Karte (Kartennutzung): Die Karte als Erkenntnis-/Lern-/ Unterrichtsmittel.

Die Karte ist also in der Schule Gegenstand und Mittel des Unterrichts. Erst Kartenverständnis ermöglicht Kartennutzung; durch häufige Kartennutzung wird das Kartenverständnis vertieft und erweitert. Kennenlernen der Karte und ihre Anwendung/Beanspruchung müssen eine didaktische Einheit bilden.

Beide Hauptfelder werden von Klasse 3 bis Klasse 12/13 aktiviert. Im Sachkundeunterricht überwiegt die "Arbeit an der Karte"; im Geografieunterricht, im Geschichtsunterricht und in anderen Fächern dominiert die "Arbeit mit der Karte", wenn auch jeder für die Schüler neue Kartentyp zunächst selbst Gegenstand des Unterrichts ist.

In der Schule werden gleiche Verfahrensweisen der Kartennutzung (oftmals als fundierte Schrittfolgen) wie im späteren Berufsleben bzw. im Alltag (z.B. auf Reisen, im Tourismus etc.) angewandt. So möge nachfolgend der 2. Bereich der unterrichtlichen Kartenarbeit, die Kartennutzung zur räumlichen Orientierung und Vorstellungsbildung und/oder zum georäumlichen Wissenserwerb, etwas näher aufgezeigt werden. Hierzu dienen einige Auszüge aus einem gleichnamigen Beitrag des Verfassers in der Zeitschrift "Vermessungstechnik", H. 2/1983, S. 48-50. (Vgl. auch "Könnensentwicklung...").

[...]

1. Wesensmerkmale der Verfahrensweisen unterrichtlicher Kartennutzung

Die Arbeit mit der Karte gilt im Schulunterricht als ein methodisches Verfahren zur Aneignung des Lehrplanstoffes durch Umgang mit Wissens-speichern. Eine Differenzierung des Verfahrens führt zur Ausgliederung von speziellen Verfahren der Kartennutzung mit wesenseigenen Zielkomponenten und Tätigkeitsinhalten, die gemäß der Spezifik der unterrichtlichen Aufgabenstellung aktiviert und phasenhaft als Schrittfolgen (7; 8) kombiniert werden müssen.

In dem vorliegenden System der Kartennutzung (vgl. Tafel 1) symbolisieren Interrogativpronomen die jeweiligen Zielkomponenten der vier differenzierten Verfahrensweisen. Wenn auch die Bezeichnung der subordinierten Tätigkeitsformen nach Kategorien der Analysetätigkeit vorgenommen wird, da am Anfang der Erkenntnisakte die visuelle und die gedankliche Analyse des Karteninhalts stehen, so ist selbstverständlich die Kartennutzung als überwiegend geistige Tätigkeit vor allem durch analytisch-synthetische Grundoperationen der rationalen Erkenntnis gekennzeichnet.
(S. 48)

[...]

Tafel 1. Verfahrensweisen unterrichtlicher Nutzung

Verfahrensweisen und Tätigkeitsformen

Zielfragestellungen

1. Orientierung am Kartenblatt WAS? (Kartenthema/-titel)
WO? (Gebiet)
WIE? (Legendenstruktur)
2. Kartenlesen (punkthafte Analyse)
a) Bestands-/Elementaranalyse WAS - WO? (Objekt - Lage)
b) Merkmalsanalyse WAS - WO - WIE? (Ausprägung)
3. Kartenauswerten (flächenhafte Analyse)
3.1. Singuläre Kartenauswertung
a) Merkmalsanalyse WAS- WO - WIE? (Struktur)
b) Kausal- und Funktionsanalyse WAS - WO - WIE - WARUM/WOZU? (Ursache/Zweck)
3.2. Vergleichende Kartenauswertung
a) Merkmalsanalyse WAS - WO - WIE/WORIN? (Unterschiede/Gemeinsamkeiten)
b) Kausal- und Funktionsanalyse WAS - WO - WIE/WORIN - WARUM/WOZU? (Zusammenhänge)
4. Ergebnisformulierung/-synthese (systematisierende Zusammenfassung)
4.1. Verbale Darstellung (mündlich oder textlich) WAS? (Wesentliches), WO? (Region), WIE? (Qualität, Wert, Typ)
4.2. Modellierte Darstellung (graphisch oder räumlich-gegenständlich) WAS - WO - WIE? (Darstellungsform)

 

Die Nutzung der Karte zur Erkenntnisgewinnung über die auf ihr verschlüsselt und verallgemeinert abgebildete objektive Realität erfolgt auf den Ebenen der mittelbaren Anschauung und der sprachlich-begrifflichen Erkenntnis (9), wobei direkt ablesbare (primäre) und indirekte (ableitbare bzw. sekundäre) Informationen (6; 16) dem Kartenbild entnommen werden.

Jede Kartennutzung beginnt mit dem visuellen Betrachten (gezielten Wahrnehmen) von Karten und einzelnen ihrer Elemente als sinnlicher Erkenntnis, der sich bei der Analyse des Karteninhalts nahtlos und ineinandergreifend rationale (logische) analytisch-synthetische Operationen (z.B. Ausgliedern, Erfassen von Sinnbedeutungen und Beziehungen, Abstrahieren, Vergleichen, Verallgemeinern, Differenzieren und Klassifizieren) (9) anschließen, in deren Verlauf ideelle Abbilder (Vorstellungen und Begriffe sowie Aussagen als Urteile und Schlüsse) von Zuständen und Prozessen der kodiert abgebildeten Erdräume gewonnen werden können (3).

Die Orientierung am Kartenblatt (vgl. Tafel 1) ist stets Prämisse für die Nutzung der Karte als Informationsquelle. Sie umfaßt das Erkennen der Darstellungsthematik, die territoriale Einordnung des abgebildeten Gebietes und ggf. die räumliche Abgrenzung eines zu untersuchenden Kartenabschnitts, das Aufsuchen der Legende sowie das gedankliche Erfassen ihres Darstellungsprinzips und das Feststellen von Gruppierungsmerkmalen.

Die eigentliche Arbeit mit der Karte beginnt mit dem  Kartenlesen, dem visuellen Erkennen und der begrifflichen Identifizierung einzelner Kartenzeichen im Nebeneinander des Kartenfeldes. Es werden Kartennamen gelesen und vornehmlich punktuelle Informationen über die Art und Lage bzw. Verbreitung von Objekten (Bestandsanalyse) sowie über deren äußere Merkmale (z.B. Größe, Gestalt, Verlauf) oder innere Eigenschaften (z.B. Mengenwert, Intensität) durch begriffliche „Rückübersetzung“ der Symbole und Beachten ihrer Syntax direkt entnommen. Als Resultat solcher ausgliedernden Analysetätigkeit und des Umdenkens in subjektive Vorstellungen von der Wirklichkeit (3) können Merkmalsbeschreibungen von Einzelobjekten bzw. -standorten gegeben werden.

Das Kartenauswerten oder -interpretieren als höhere Niveaustufe stellt eine flächenhafte und differenzierte Analyse des Karteninhalts dar, schließt das Lesen größerer räumlicher Einheiten ein, wobei die nebeneinander gespeicherten Einzelinformationen visuell und gedanklich miteinander sowie auch mit bereits vorhandenen Kenntnissen (Vorwissen) verknüpft bzw. aufbereitet werden. Es ist Erkenntnistätigkeit vom räumlichen Nebeneinander zum inhaltlichen Miteinander.

Die einfachste Tätigkeitsform dieser Verfahrensweise besteht darin, daß - sowohl bei der singulären als auch bei der vergleichenden Auswertung - über das visuelle Erfassen mehrseitiger Zeichensyntax und über die Entnahme direkter Informationen Lagebeziehungen und Anordnungen gleicher und verschiedener Objektarten sowie schließlich Merkmalsstrukturen und räumliche Gliederungen von Territorien erkannt und beschrieben werden. Auch hierbei geht es - wie bei der punkthaften Merkmalsanalyse - vorrangig um das Herstellen gedanklicher Verbindungen zwischen Zeichen und ihrer semantischen Bedeutung, jedoch darüber hinaus um das komplexe Erfassen von syntaktischen Relationen der Zeichen, um äußere Beziehungen zwischen den Bedeutungen.

Als anspruchsvollere Tätigkeit folgt dieser „deskriptiven Auswertung“ in starker Abhängigkeit vom inneren Bedingungsgefüge des Kartennutzers (besonders seiner Sach- und Verfahrenskenntnisse sowie seiner geistigen Flexibilität) die Erklärung und Erläuterung der Zustandsformen, die Deutung von ursächlichen und funktionalen Beziehungen sowie von gesetzmäßigen Zusammenhängen zwischen den Inhaltselementen der Karte.
Durch indirekte Informationsermittlung (gedankliches Erschließen von inneren Beziehungen zwischen den Zeichenbedeutungen) werden Prozesse und damit das räumliche Wirkungsgefüge erkannt. Auch diese Handlung kann im Unterricht an einer Einzelkarte (singulär) oder als synoptische Tätigkeit durch Kartenvergleiche (z.B. verschiedener thematischer Karten oder historisch-geographischer Kartenpaare/-serien des Schulatlasses) vollzogen werden.

Während bei der deskriptiven Auswertung unter möglicher Beanspruchung der Legende  und unter der Voraussetzung des Terminologieverständnisses ein relativ hoher Grad der Interpretationssicherheit (2) gewährleistet ist, stellt diese bei der „erklärenden/deutenden Auswertung“ eine sehr variable Größe der Kartennutzung im Schulunterricht (und nicht nur dort) dar.

Den Abschluß einer Kartennutzung muß eine synthetisierende Ergebnisformulierung (8) der gelesenen, beschreibbaren und erklärbaren Informationen bilden, die eine Beurteilung der Zustands- und Prozeßerscheinungen einschließt. Sie erfolgt im Schulunterricht überwiegend verbal, aber auch als modellierte Darstellung wesentlicher bzw. selektiver Ergebnisse (z.B. Anfertigen einer Kartenskizze, eines Profils, einer Tabelle oder Bearbeitung einer Umrißkarte durch Aus-, Be- und Einzeichnen).

Für den vollständigen - linearen - Handlungsablauf  kann u.a. festgestellt werden, daß die Fragekette „WAS - WO - WIE ?“ in allen vier Verfahrensweisen elementare Zielkoordinaten der Tätigkeiten repräsentiert und daß das Grundschema der Operationsfolge durch die Elemente  „Betrachten – Erkennen/Erfassen - Beschreiben - Erklären - Verallgemeinern – Darstellen“ gekennzeichnet ist.
(S. 49)

2.  Anwendung der Verfahrensweisen im Unterricht

Im Schulunterricht werden selbstverständlich in Abhängigkeit von der jeweiligen Aufgabenstellung bei der Kartennutzung nicht immer alle Verfahrensweisen und ihre Tätigkeitsformen beansprucht. Auch erfolgt nie eine vollständige, restlose Analyse des Kartenbildes, sondern eine nach Raumeinheiten und/oder Sachbereichen differenzierte selektive Interpretation. Alle Verfahrensweisen müssen dem Schüler aber als standardisierte Handlungsfolgen (8) in ihrer Grundstruktur im Verlaufe der Klasse 5 bekannt und durch wiederholte gezielte Anwendung und Modifizierung in den folgenden Schuljahren vertraut werden.

So ist beispielsweise sehr häufig das kurzfristige Kartenlesen unter topographischem Aspekt vertreten. [...]

[...]

Beim Kartenauswerten dominiert im Geographieunterricht der Klassen 5 und 6 die singuläre Interpretation in bezug auf Merkmalsanalysen, während ab Klasse 7 verstärkt auch Kausal- und Funktionalanalysen durch singuläre und vergleichende Kartenauswertungen einbezogen und durch modellierte Darstellungen abgeschlossen werden.

Die Kartennutzung ist jedoch im Schulunterricht nicht Selbstzweck, sondern nur ein fachspezifisches methodisches Verfahren zur allseitigen Persönlichkeitsentwicklung der Schüler. Nicht selten wird zum Beispiel die Atlas- oder Handkarte in Kombination mit den Elementen des Lehrbuches (Text, Tabellen, Bildern oder Kartenskizzen) genutzt, um annähernd adäquate Vorstellungen über Gestalt und Strukturen von Territorien sowie Erkenntnisse über die in ihnen ablaufenden Prozesse zu gewinnen. Außerdem bilden Kodierungsform und syntaktische Informationsdichte der Karte sowie potentielle Interpretationsdauer Variablen der Nutzungswahl für eine effektive Unterrichtsgestaltung.

Literatur

/2/ Bollmann, J.: Probleme der kartographischen Kommunikation. Bonn: Kirschbaum Verlag 1977.

/3/ Breetz, E.: Betrachtungen zur erkenntnistheoretischen Position der Karte aus pädagogischer Sicht. Vermessungstechnik, Berlin 20 (1972) 5, S. 188-192.

/6/ Hake, G.: Der Informationsgehalt der Karte – Merkmale und Maße. In: Grundsatzfragen der Kartographie. Wien 1970, S. 119-131.

/7/ Hüttermann, A.: Karteninterpretation in Stichworten. Kiel: Verlag Ferdinand Hirt 1975 (Teil 1), 1979 (Teil II).

/8/ Krumbholz, D.: Die Befähigung der Schüler zur selbständigen und schöpferischen Tätigkeit im Geographieunterricht. Z. Erdkundeunterricht,  Berlin 27 (1975) 6, S.220-227.

/9/ Lompscher, J.: Theoretische und experimentelle Untersuchungen zur Entwicklung geistiger Fähigkeiten. Berlin: Volk und Wissen Volkseigener Verlag 1978.

/16/ Töpfer, F.: Die Kartennutzung. Vermessungstechnik, Berlin 20 (1972) 10, S. 376-379; 11, S. 435-437.

(S. 50; es wurden nur die im Text erwähnten Literaturpositionen ausgewiesen)

 

Abbildung: Ausschnitt aus dem Cover "Start in die Kartenwelt". Westermann Schulbuchverlag GmbH, Braunschweig 1993 - 1. Auflage, Druck 3.