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Wiener Vortragssplitter 1990

Ausschnitt Karte ÖsterreichDer letzte und wohl auch erste schulkartografische Vortrag im „westlichen Ausland“ der DDR wurde am 24. September 1990 auf dem I. Internationalen Symposium der Schulkartographie in WIEN gehalten. Dort gaben in ihren Plenarreferaten W. Sperling/BRD und E.Breetz/DDR jeweils einen Rückblick über die Entwicklung der Schulkartografie in den zwei deutschen Nachkriegsstaaten.

Diese beiden Referate erschienen – wie auch andere Fachvorträge – in gekürzter und aktualisierter Fassung  im Band 5 (1992) der „Wiener Schriften zur Geographie und Kartographie“ (Hrsg.: F. Mayer). Einige Auszüge (Splitter) des ostdeutschen Beitrages „Entwicklung der geographischen Schulkartographie in der ehemaligen DDR“ (S. 133-143) werden nachfolgend wiedergegeben.

1. Einführung

[...]

Als „geographische Schulkartographie“ wurde in der ehemaligen DDR jene schulkartographische Zweigdisziplin bezeichnet, deren Gegenstand die didaktisch-methodisch aufbereitete Gestaltung geographischer Karten für den Schulunterrricht und Verfahren ihrer differenzierten Nutzung sind. Die Hauptaufgaben dieser „speziellen Kartographie“ (OGRISSEK 1987) in ihrer unmittelbaren Verbindung zwischen Geographiemethodik und Verlagskartographie sowie zwischen Theoretischer und Praktischer Kartographie (LEHMANN 1952) bildeten somit Grundlagenforschungen sowie konzeptionelle und redaktionelle Entwicklungsarbeiten zur Gestaltung und Nutzung kartographischer Materialien für den Heimatkunde- und Geographieunterricht.

2. Entwicklungsweg der geographischen Schulkartographie

Zu einer kurzen Vorstellung von Marksteinen des Entwicklungsweges der geographischen Schulkartographie in der früheren DDR mögen drei zeitliche Etappen ausgewiesen werden:
1945 bis 1949,
1950 bis 1969 und
1970 bis 1989.

2.1.  Beispielgebender Neubeginn schulkartographischen Schaffens nach 1945

[...]

Insbesondere die Justus Perthes Geographisch-Kartographische Anstalt Gotha, die Leipziger Geographische Anstalt List und Kaden und die Verlagsanstalt List und von Bressensdorf verfügten über einen relativ reichen Kartenfundus, der unter besonderer Beachtung der Eliminierung nationalsozialistischen Gedankengutes selektiv aktualisierend aufgearbeitet wurde. So erschienen bis zur Gründung der DDR im Oktober 1949 bereits 3 zentrale Schulatlanten, 5 regionalbezogene Heimatatlantentitel und ferner 10 Wandkartentitel aus dem Fundus des „Großen Geographischen Wandatlasses“ von Hermann Haack. [...]

Herausragender Markstein unter den erwähnten Atlanten der Nachkriegs-Schulkartografie war die in Zusammenarbeit zwischen Volk und Wissen Verlag und Justus Perthes Geographisch-Kartographischer Anstalt unter konzeptioneller Federführung von HAEFKE und HEYDE erarbeitete Neuentwicklung des „Atlas zur Erd- und Länderkunde; Kleine Ausgabe“. Er war ein Vorabdruck der wichtigsten und am dringendsten benötigten Karten der später (ab 1951) erschienenen „Großen Ausgabe“. Dennoch bildete auch die „Kleine Ausgabe“ ein in sich geschlossenes, einheitliches Ganzes. [...]
(S. 133)

2.2.  Umfangreiche geographisch-kartographische Neuentwicklungen in den fünfziger und sechziger Jahren

[...]

Mit der zunehmenden zentralen Steuerung der pädagogischen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, vor allem durch das dem Ministerium für Volksbildung unmittelbar untergeordnete Deutsche Pädagogische Zentralinstitut (DPZI) sowie infolge direkter und indirekter Wirksamkeitsbeschränkungen privater Verlagsanstalten in den fünfziger und sechziger Jahren, erfolgte auch für den Bereich der Schulkartographie eine institutionelle Konzentrierung des Handlungsspektrums. [...]

Die Vielfalt der Entwicklungsarbeiten des Zeitraumes von 1950 bis 1969 spiegelte sich vor allem im Bereich der kartographischen Unterrichtsmittel für die Hand des Schülers wider. So erschienen beispielsweise in Arbeitsgemeinschaft vom Volk und Wissen Verlag Berlin (ab 1951 volkseigener Verlag) und Justus Perthes Gotha (ab 1953 VEB Geographisch-Kartographische Anstalt und ab 1955 VEB Hermann Haack, Geographisch-Kartographische Anstalt, Gotha) 5 Neuentwicklungen zentraler Schulatlanten für den Geographieunterricht. [...]
(S. 134)

Das seinerzeit größte und aufwendigste Entwicklungsprojekt war das je 130 Titel umfassende allgemein-geographische Kreishand- und wandkartenwerk für den Heimatkundeunterricht der Klassen 3 und 4 (NAUNDORF 1955). [...]

[...]

Als erste Bezirkshandkarten und gleichzeitig als Muster für das spätere Bezirkskartenwerk erschien ab 1968 in – nur ausnahmsweise gestatteter – territorialer Eigeniniative (Rat des Bezirkes Potsdam – Abteilung Volksbildung und Referent) das mehrfarbige aussschnittgleiche Handkartenpaar „Bezirk Potsdam – Oberflächengestalt“ und „Bezirk Potsdam – Wirtschaft“, beide jeweils im Maßstab 1:500 000. [...]

Vielseitig war in den fünfziger und sechziger Jahren auch das für die Schulen konzipierte Wandkartenprogramm des Gothaer Verlages, insbesondere durch Neuentwicklungen von thematischen Kontinentkarten und Erdübersichten zur physischen und ökonomischen Geographie sowie von kombinierten Karten gemischter Thematik.

[...]

Relativ breit war im Zeitraum 1950 bis 1969 auch die Herausgabe von Praxishinweisen für die Kartennutzung im Heimatkunde- und Geographieunterricht in Form von einigen Monographien und zahlreicher Beiträge in methodischen Fachzeitschriften aus der Feder von Methodikern und von Lehrern.

2.3.  Gleichrangige und koordinierte Bearbeitung von Kartengestaltung und Kartennutzung ab 1970

[...]

Aus dem DPZI ging im Jahre 1970 die Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR (APW) hervor, der die allseitige Koordinierung aller Forschungs- und Entwicklungsprojekte übertragen wurde. Ebenfalls in den siebziger Jahren kam es auch zu einer präzisierten Spezialisierung in der Forschungstätigkeit unter verstärkter Einbeziehung von Schulpraktikern.

Zu einem Zentrum der Grundlagen- und Realisierungsforschung zur Gestaltung und Nutzung von Hand-, Atlas-, Wand- und (Projektions-)Folienkarten für den Heimatkundeunterricht der Unterstufe und für den Geographieunterricht der Mittel- und Oberstufe entwickelte sich der Wissenschaftsbereich Methodik des Geographieunterrichts an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, wo auch wissenschaftstheoretische Studien zur geographischen Schulkartographie durchgeführt wurden (BREETZ 1986).
(S. 135)

[...]

Auf der Basis der neuen Spezialisierung und Kooperationsformen waren noch bessere Möglichkeiten für eine gleichrangige und koordinierte Bearbeitung von Kartengestaltung und Kartennutzung gegeben. [...]

Umfangreichstes schulkartographisches Entwicklungsprojekt nach 1970 war das von 1976 bis 1988 auf breiter Kooperationsebene neubearbeitete und je 178 Titel umfassende Kreishand- und -wandkartenwerk. [...]

Sehr vielseitig und der Aufmerksamkeit für die Kartengestaltung gleichrangig waren in den letzten 20 Jahren auch die Aktivitäten zur Kartennutzung im  Heimatkunde- und Geographieunterricht. Mehrere Monographien, Beiträge in methodischen Handbüchern und zahlreiche Aufsätze in den methodischen Fachzeitschriften, insbesondere auch von Schulpraktikern, zu aktuellen Fragen der Kartenarbeit boten den Heimatkunde- und Geographielehrern eine breite Informationsbasis.

3.  Konsolidierung der geographischen Schulkartographie

Die kooperative Zusammenarbeit von Institutionen der Volksbildung und der Verlagskartographie, Grundlagenforschung zur Gestaltung und unterrichtlichen Nutzung geographischer Karten, empirische Untersuchungen im Heimatkunde- und Geographieunterricht sowie vielseitige konzeptionelle, redaktionelle und interpretierende Arbeiten bildeten nach 1970 einen sich kontinuierlich festigenden koordinativen Aktionsraum. Die straffe Wissenschaftsorganisation in der disziplinären Integration von Methodiken des Geographie- und Heimatkundeunterrichts, der Geographie und der Theoretischen Kartographie führten zur Konsolidierung der geographischen Schulkartographie als interdisziplinären Wissenschaftszweig mit klar umrissenen Forschungs- und Anwendungsfeldern.

Die geographische Schulkartographie in der früheren DDR formierte sich vor allem im Spektrum ihres Anwendungsfeldes zu einem pädagogisch-geokartographischen Wissenschaftszweig, dem im Strukturmodell der Theoretischen Kartographie eine beispielhafte Position eingeräumt wurde (OGRISSEK 1987).

[...]
(S. 136)

4. Literaturverzeichnis (Auswahl)

BREETZ  E  (1986), Gestaltung und Nutzung geographischer Karten als gleichrangige Hauptglieder der schulkartographischen Kommunikationskette (= Potsdamer Forsch., Wiss. Schriftenr. d. Päd. Hochschule „Karl Liebknecht“, Reihe C, 64), Potsdam.

LEHMANN  E  (1952), Die Kartographie als Wissenschaft und Technik. In: Petermanns Geogr. Mitt., 2, S. 73-84.

NAUNDORF  M  (1955), Neue Kreiskarten – ein wichtiges Arbeitsmittel für den Heimatkundeunterricht. In: Die Unterstufe, 11, S. 16-17.

OGRISSEK  R  (1987), Theoretische Kartographie (= Studienbücherei Kartogr., Bd. 1). VEB Hermann Haack, Gotha.

(S. 137;  S. 138-143: Bild- und Kartenteil)

Dieser Vortrag auf dem Wiener Symposium zur Schulkartografie in der letzten Septemberwoche des Jahres 1990 bildete faktisch den Schlußpunkt des Aktionsraumes einer zentral gelenkten Wissenschaftsdisziplin der damaligen DDR. In den fünf neuen Ländern der Bundesrepublik Deutschland begann ein facettenreiches Wirken in der Gestaltung und unterrichtlichen Nutzung kartografischer Medien. Die wissenschaftliche Heimat der Schulkartografie ist nun die Deutsche Gesellschaft für Kartographie (DGfK).

Literatur:

Hüttermann, A.: Symposium Schulkartographie am 24. und 25.9.1990 in Wien. In: Kartographische Nachrichten, H. 1/1991, S. 26-28.

 

Abbildung: Kartenausschnitt aus dem "ALEXANDER - Schulatlas", S. 60/61 "Südeuropa (Westteil)". Ernst Klett Schulbuchverlag GmbH, Stuttgart 1993 - 1. Auflage.